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Von Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer
Familienplanungszentrum Hamburg, www.familienplanungszentrum.de
Rororo Sachbuch, 141 Seiten, ISBN 3-499-19953-X
(derzeit vergriffen), Download von www.mifegyne.com
Teil II: Persönliche Berichte
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Acht bis zehn Jahre danach
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«Danach habe ich mein Leben in die Hand genommen»
Beate ist 36 Jahre alt, Architektin, geschieden und hat einen zwölfjährigen Sohn. Ihr Schwangerschaftsabbruch liegt elf fahre zurück. Am Tag danach hat sie sich sterilisieren lassen. Heute hat sie einen neuen Partner.
« Meine Ehe stand damals auf der Kippe. Ich hatte ein ein-jähriges Kind und bin leider trotz Verhütung wieder schwanger geworden. Da ich mit der Pille verhütet hatte, war die Schwangerschaft ein absoluter Schock für mich. Zuerst habe ich gedacht, jetzt muß ich ewig Hausfrau bleiben. Ich habe immer nur überlegt, wie komme ich da je wieder raus mit zwei Kindern und einem Mann, der sich an überhaupt nichts beteiligt. Ich wollte damals studieren, hatte also noch einiges vor und habe darüber nachgedacht, falls diese Ehe scheitert, ob ich mein Studium oder meine Berufspläne mit zwei Kindern verwirklichen könnte. Ich habe dann entschieden, daß das nicht geht. Ich hatte dieses Baby und war sehr glücklich über mein Kind. Es war deshalb extrem schwer für mich, weil ich ja wußte, was daraus werden kann. Mein Mann war sehr glücklich über die Schwangerschaft. Ursprünglich wollte er überhaupt keine Kinder haben. Beim ersten Kind tat er sich schwer, es zu akzeptieren. lch habe die ganze Zeit, als wir verheiratet waren, immer versucht, einen Studienplatz zu bekommen. Er war zu Beginn unserer Ehe ganz begeistert von der Idee, daß ich mein Studium fertigmache und arbeiten gehe. Als das Kind dann da war, war er nicht mehr so begeistert davon. Ich war unzufrieden mit der Situation. Ich wollte unbedingt studieren. Ich habe viel Unzufriedenheit mit heimgetragen. Ein Punkt war immer meine Enttäuschung darüber, daß er sich so wenig um das Kind kümmerte und mich so allein ließ. Er hat sein Leben weitergelebt wie vorher. Dadurch kam ich zu der Entscheidung, mich sterilisieren zu lassen, weil ich in so eine Situation nie wieder geraten wollte. Ich habe mir gesagt, eine Abtreibung kann ich verantworten, wenn es jetzt auch wirklich das letzte Mal ist. Es war eine Art Strafe, obwohl mir das damals nicht bewußt war. Meine Freundinnen haben mir damals schon immer gesagt, das sei eine Art Selbstverstümmelung. Ich habe das in der Zeit anders gesehen. Bei meiner ersten Schwangerschaft hatte ich eigentlich kein Gefühl für das Kind und habe mich nicht sonderlich damit beschäftigt. Ich war eher irritiert, wenn mich jemand auf meine Schwangerschaft ansprach. Bei dieser Schwanger-schaft war es ganz anders. Ich weiß gar nicht, wie ich das in Worte fassen soll. Ich habe innerlich gesprochen mit dem Kind gleich von Anfang an. Ich habe mich dem Kind gegenüber gerechtfertigt. Ich habe ihm gesagt, daß ich gerne möchte, daß ein Kind ein schönes Leben hat, daß es viel Zeit von den Eltern bekommt, eine Umgebung hat, in der es aufgehoben und geborgen ist, und daß ich das nicht leisten könne.
Meine Entscheidung war von Anfang an klar, weil der Wunsch, berufstätig zu sein, meine Existenz selbst zu sichern, so stark war. Ich wußte, daß ich als Hausfrau nicht glücklich werde. Ich mußte arbeiten, mußte raus. Aber trotzdem wollte ich immer gerne viele Kinder haben, Ich war immer wütend darüber, daß mein Mann sich so wenig beteiligt hat.
Mein Mann war gegen den Abbruch und gegen die Sterilisation. Mein Frauenarzt wollte auch beides nicht machen. Ich war ziemlich wütend. Ich habe gesagt, das ist mein Körper und mein Leben. Es geht nur mich etwas an. Zu meinem Mann habe ich gesagt, dann mußt du dich eben trennen. Da war ich sehr klar, aber es war nicht leicht. Und noch eine Sache war schwer: Ich mußte mein Kind mitnehmen zur Abtreibung. Ich hatte niemanden gefunden, der darauf aufpaßte. Ich hatte eine Freundin gebeten, mich zu begleiten. Die versetzte mich. Das war besonders schrecklich. Ich hatte Angst vor dem Eingriff und vor der ganzen Situation: Alles fremde Menschen um mich herum, keine Vertrauten. Und ich wußte nicht, wie es hinterher sein wird. Geholfen hat mir der Gedanke, daß es eben keine andere Möglichkeit gibt. Und vielleicht der Gedanke, daß mein Kind meine ganze Kraft braucht. Im Familienplanungszentrum bin ich sehr gut aufgenommen worden. Es hat sich jemand um meinen Sohn gekümmert. Danach mußte ich noch eine Stunde dort ausruhen, jemand hat mir eine Decke gebracht. Da habe ich mich sehr geborgen gefühlt. Es waren noch andere Frauen da, von denen ich wußte, die haben das auch gerade durchgemacht, die sind in einer ähnlichen Situation. Ich habe nicht mit ihnen gesprochen, aber es war trotzdem angenehm, daß sie da waren. Was mich geschockt hat, war, daß ein Mann den Abbruch gemacht hat. Das hat mich extrem gestört. Ich finde, das sind Dinge, die haben mit Frauen zu tun, die gehören in die Hand von Frauen. Da sollten Männer sich raushalten. Am nächsten Tag hatte ich die Sterilisation. Das wurde in einer Klinik gemacht. Dann kam ich nach Hause und war eine Woche lang ziemlich traurig. Ein wichtiger Plan meines Lebens war endgültig gescheitert: Kinder und Familie zu haben und Geborgenheit zu haben und zu geben. Durch die Sterilisation war das so endgültig. Ich möchte auch heute noch beides haben, Familie und Arbeit. Ich bin heute glücklich in meiner Arbeit, aber fühle ich mich doch zunehmend kastriert. Fruchtbarkeit spielt vom Gefühl her eine große Rolle für mich. Ich habe manchmal die Vorstellung, ich möchte nicht mehr so dünn sein. Ich möchte gerne große Brüste haben und einen runden Po, also richtig satt und dick und fruchtbar sein und dabei trotzdem arbeiten.
Nach dem Abbruch und der Sterilisation habe ich sehr viel Neues begonnen. Ich war sehr aktiv. Es ging mir gut. Ein Jahr später haben mein Mann und ich uns getrennt. Und zwei Monate nach der Trennung habe ich endlich einen Studienplatz bekommen. Die Jahre danach waren anstrengend und sehr intensiv. Ich war zwar erschöpft, aber es war toll. Ich habe mir mein eigenes Leben aufgebaut. Zum erstenmal hatte ich eine eigene Wohnung mit meinem Kind zusammen. Ich hätte es mit zwei Kindern nicht geschafft. Ich habe viele alleinerziehende Frauen kennengelernt, die auch studiert haben und die nicht in ihren Berufen arbeiten konnten, weil sie mehrere Kinder hatten. Dadurch fand ich meine Entscheidung nachträglich bestätigt. In letzter Zeit denke ich viel über die Sterilisation nach. Für mich sehe ich es heute eher als Selbstverstümmelung. Obwohl es selbst jetzt noch schwierig wäre, wenn ich weitere Kinder hätte. Heute habe ich so viele Sicherheiten: Mein Beruf ist abgeschlossen, meine Existenz ist gesichert. Ich habe jetzt ausreichend Geld, was ich damals nicht hatte. Ich weiß, ich komme alleine durch. Und ich habe nach ganz langer Zeit einen Mann kennengelernt, mit dem ich mich sehr gut verstehe. Es ist eine wirklich gleichberechtigte Beziehung. Ich habe immer gedacht, daß es das gar nicht gibt. Wir leben in zwei völlig verschiedenen Welten, aber ich fühle mich akzeptiert. Ich brauche mich nicht ständig abzugrenzen oder aufzupassen, daß ich übervorteilt werde. Er ist sehr selbständig. Das wäre der Mann, mit dem ich noch mal ein Kind haben könnte. Aber ich bin zur Zeit auch verliebt und weiß, daß ich da Abstriche machen muß. Wenn ich richtig darüber nachdenke, weiß ich, daß ich gar nicht begeistert von einem weiteren Kind wäre Es ist nur mein Gefühl. Es ist eine Sehnsucht, noch einmal ein Kind zu haben mit einem Partner, der sich beteiligt und alles mitträgt. Und es gibt noch einen zweiten Aspekt, der sicher bei dieser Sehnsucht eine Rolle spielt:
Mein Sohn ist jetzt zwölf. Ich lebe seit zehn Jahren alleine mit ihm, und er fängt jetzt an, sich zu trennen. Ich glaube, daß ich diese Umstellung schlecht verkrafte. Von heute aus betrachtet, war der Schwangerschaftsabbruch damals eine Art Katalysator. Er hat die Situation in der ich lebte verschärft. Durch die Schwangerschaft und den Abbruch habe ich intensiver darüber nachgedacht, was ich eigentlich will. Ich habe mein Leben in die Hand genommen, habe aufgehört, mich bestimmen zu lassen und abzuwarten, was von außen auf mich zukommt. Darauf bin ich auch stolz. Ich habe es geschafft, mir mein Leben so zu organisieren, daß ich die Berufsausbildung machen konnte und jetzt selbständig bin. Damals bin ich mehr nach außen gegangen, habe mir Freundschaften aufgebaut, die bis heute halten. Mir wurde damals auch klar, wie wichtig Frauenfreundschaften für mich sind, daß der Partner diese nie ersetzen kann. Ich brauche den Kontakt zu Menschen, die sich in meiner Welt auskennen, die ähnliche Probleme haben in der Gefühlswelt. »
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Inhaltsverzeichnis
Einführung
Das Familienplanungszentrum
Die Ergebnisse anderer Studien über psychische Folgen nach Schwangerschaftsabbruch
Zum Aufbau der Untersuchung
Danksagung
Teil I: Die Ergebnisse der Studie
Teil II: Persönliche Berichte
Chronik des Gesetzgebungsverfahrens in Deutschland
Die gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland
Rat und Hilfe
Schwangerschaftsabbrüche in Familienplanungzentren
Literatur
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