Traurig und befreit zugleich

Von Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer
Familienplanungszentrum Hamburg, www.familienplanungszentrum.de
Rororo Sachbuch, 141 Seiten, ISBN 3-499-19953-X
(derzeit vergriffen), Download von www.mifegyne.com


Teil II: Persönliche Berichte

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Acht bis zehn Jahre danach

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«Es ist wie ein Lebensweg, den ich nicht gegangen bin»

Ruth ist 48 Jahre alt und Erzieherin. Aus ihrer ersten Ehe hat sie zwei erwachsene Töchter. Sie lebt mit ihrem zweiten Ehemann zusammen. Ihr Schwangerschaftsabbruch liegt acht Jahre zurück.

«Als ich erfuhr, daß ich schwanger bin, hatte ich ganz gemischte Gefühle. Ich wollte es nicht, aber ich freute mich auch, denn ich bin leidenschaftlich gerne Mutter. Es war auch ein besonders tolles Gefühl, daß ich gerade von diesem Mann schwanger war. Wir kannten uns damals zwei Jahre, und wir waren noch heftig verliebt. Er ist noch nie Vater gewesen, und ich habe wohl gedacht, ich müßte ihn zum Vater machen.
Andererseits war bei mir aber auch der ganz große Wunsch da, endlich meine berufliche Zukunft in Gang zu bringen. Das war ein ganz großer Zwiespalt damals. Ich hatte große Ängste, es kräftemäßig nicht zu schaffen, Und das hat letztlich den Ausschlag gegeben. Ich war damals fast vierzig Jahre alt. Noch einmal eine Schwangerschaft, noch einmal ein Kind, das wäre mir zuviel geworden. Es war schon ein Kraftakt gewesen, meine Töchter großzukriegen. Ich hatte eine schwierige erste Ehe, und ich habe meine Töchter praktisch allein erzogen.
Von meinem Herzen her hätte ich fünf Kinder haben wollen. Wenn ich auf dem Land gelebt hätte mit Haus und Tieren, dann hätte ich ein Kind nach dem anderen in die Welt setzen mögen.
Mein Mann hat mir die Entscheidung überlassen, ob ich das Kind bekomme oder nicht. Er hat mir jedoch signalisiert, daß er sich freuen würde. Wir haben es diskutiert, und es war mir ganz wichtig, seine Meinung zu hören, aber die Entscheidung, die habe ich ganz für mich allein getroffen. Der Schwangerschaftsabbruch wurde bei mir in der 7. Woche gemacht. Ich hatte bis dahin vier Wochen Zeit, mich damit auseinanderzusetzen. Und das habe ich täglich gemacht. Ich machte einen Plan, in dem ich überlegte, wie ich mir mein Leben einrichte, wenn ein Kind da ist. Und ich machte einen Plan ohne Kind. Ganz wichtig bei der Entscheidungsfindung war für mich, daß mein Mann sagte: Er braucht zu seinem Lebensglück nicht unbedingt ein Kind. Das hat mich entlastet und mir die Entscheidung erleichtert. Es war auch sehr hilfreich, daß er sagte, daß er zu 50 Prozent für das Kind dasein würde. Nur nach der Erfahrung in meiner ersten Ehe war ich mißtrauisch. Ich weiß ja, wie die Karrieren der Männer verlaufen, und auch mein Mann ist inzwischen beruflich sehr eingespannt. Ich weiß nicht, ob er sich auch dann noch dafür entschieden hätte, wenn es bedeutet hätte, auf seinen interessanten Job zu verzichten. Ich hätte es ihm auch nicht verübeln können, wenn er es nicht getan hätte. Letztendlich war die Möglichkeit da, daß ich wieder allein davorstehe. Das Risiko wollte ich nicht eingehen.
Ich habe mit Freundinnen, mit meiner Schwester, mit allen, die damals mit mir zusammen waren, gesprochen. Sie haben mich nicht groß beeinflußt. Sie haben immer beide Seiten gesagt, besonders meine Schwester. Sie hat gesagt: "Mit R. noch ein Kind, das wäre doch toll." Aber dann hat sie auch wieder gesagt: "Du mußt dein Leben, ja nicht wiederholen." Das waren auch genau meine Gedanken. Ich muß es nicht noch einmal haben. Anders wäre es für mich gewesen, wenn ich immer berufstätig gewesen wäre und nicht erlebt hätte, wie meine Kinder groß werden. Dann hätte mir wohl etwas gefehlt. So aber habe ich jede Phase genossen, von der Geburt, bis sie ausgezogen sind. Ich denke gerne an diese Mutterzeit zurück. Ich habe es erlebt, und es ist jetzt abgeschlossen. Und zu meinen Töchtern bahnt sich eine ganz neue Beziehung an.
An dem Tag, als der Eingriff war, war ich ziemlich ruhig. Ich hatte vorher mit einer Ärztin aus dem Familienplanungszentrum gesprochen, und die war mir sympathisch gewesen. Ich war während des Eingriffs recht gefaßt. Das Herz hat ein bißchen geklopft. Mein Mann war dabei, und das fand ich angenehm. Er stand rechts von mir, und links stand eine Krankenschwester. Ich fühlte mich ganz aufgehoben. Ich neige dazu, schnell in Ohnmacht zu fallen, aber ich wußte, ich würde dann aufgefangen werden. Der Abbruch war völlig schmerzlos. Die Betreuung war ganz toll. Hinterher habe ich mich glücklich und geborgen gefühlt. Ich kriegte ein kleines Frühstück, und mein Mann war bei mir und hielt meine Hand. Zu Hause haben wir es uns dann gemütlich gemacht und haben noch darüber gesprochen. Ich war dann auch erschöpft, nach den vorherigen Wochen der Entscheidungsfindung. Ich hatte das Gefühl, aufatmen zu können, und gleichzeitig war eine Schlaffheit da.
Wir haben danach nicht mehr viel darüber gesprochen. Mein Mann hat das Thema erst einmal gelassen. Ich glaube, er mußte das auf seine Art erst mal verarbeiten.
Nach dem Abbruch fragte mein Mann immer: "Müssen wir nicht verhüten?" Ich habe ihn eher ermutigt, nicht zu verhüten. Mich hat das alles immer gestört. Es ist schon schwierig genug, alles so schön wie möglich zu machen. Ich habe nie besonders gut verhütet. Ich weiß gar nicht, ob ich das erzählen sollte. Ich habe früher zwar die Pille genommen, aber das war nicht gut für mich. Ich hatte das Gefühl, die Pille verändert meine Psyche. Wir haben lange Zeit mit der Temperaturmethode verhütet. Damit bin ich eine ganze Zeit gut klarge-kommen. Je älter ich wurde, desto schlampiger habe ich meine Verhütung betrieben. Ich habe Glück, daß ich so selten schwanger wurde.
Einige Jahre nach dem Schwangerschaftsabbruch bekam meine Nachbarin, die im selben Alter ist wie ich, noch einen Sohn. Ich hatte zwei Töchter und stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich noch einen Sohn gehabt hätte. Der wäre inzwischen auch schon zur Schule gekommen. Ich hätte gerne, auch einen Sohn gehabt und die Auseinandersetzung mit einem Sohn erlebt. Es war so eine Überlegung, und mein Mann und ich sagten, das wäre auch schön gewesen und wir hätten es auch noch geschafft. Es ist wie ein Lebensweg, den man nicht gegangen ist. Man muß sich ja immer für etwas und gegen etwas entscheiden. Ich behielt das Gefühl, daß die Entscheidung so richtig war, Ich habe mich ganz schwer getan mit meiner Berufsfindung. Meine berufliche Zufriedenheit hat sich jetzt erst entwickelt. In meiner Entscheidung fühle ich mich dadurch bestätigt.
Als junges Mädchen war ich aus moralischen Gründen gegen Abtreibung. Ich hatte überhaupt keine Lebenserfahrung und wußte nicht, daß ungewollte Schwangerschaften zum Leben gehören können. Daß es normal und menschlich ist und daß es passieren kann.
Ich glaube nicht, daß etwas erfunden werden kann, um es total auszuschließen, ungewollt schwanger zu werden. Deshalb muß es diese Möglichkeit geben für die Frauen. Es geht nicht anders. Das ist eine Entscheidung, die das ganze Leben betrifft. Partnerschaften können auseinandergehen, aber Mutter und Kind, das ist eine lebenslange Geschichte.
Abtreibung war schon immer ein wichtiges Thema in meinem Leben. Meine Mutter ist I946 an einer Abtreibung gestorben. Ich war achtzehn Monate alt, und ich war das fünfte Kind. Sie hat sich mit Hilfe ihrer Freundin das sechste Kind selbst weggemacht. Sie war 29 Jahre alt und sehr verzweifelt. Es ist nicht so, daß ich heute darunter leide, daß ich keine Mutter gehabt habe. Ich habe vier Schwestern gehabt. Das war auch ganz gut. Aber daß diese Frauen zu solchen Mitteln greifen mußten, das ist das absolut Schrecklichste. Sie haben Stricknadeln benutzt. Meine Tante hat mir erzählt, daß meine Mutter ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Sie wurde nicht behandelt und ist dann verblutet. »



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Inhaltsverzeichnis

Einführung

Das Familienplanungszentrum

Die Ergebnisse anderer Studien über psychische Folgen nach Schwangerschaftsabbruch

Zum Aufbau der Untersuchung

Danksagung

Teil I: Die Ergebnisse der Studie

Teil II: Persönliche Berichte

Chronik des Gesetzgebungsverfahrens in Deutschland
Die gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland
Rat und Hilfe
Schwangerschaftsabbrüche in Familienplanungzentren
Literatur