Traurig und befreit zugleich

Von Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer
Familienplanungszentrum Hamburg, www.familienplanungszentrum.de
Rororo Sachbuch, 141 Seiten, ISBN 3-499-19953-X
(derzeit vergriffen), Download von www.mifegyne.com


Teil II: Persönliche Berichte

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Acht bis zehn Jahre danach

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«Ich habe die Chance gehabt und nicht wahrgenommen»
Claudia ist 39 Jahre alt. Bühnenbildnerin und lebt mit ihrer sieben jährigen Tochter zusammen. Ihr Schwangerschaftsabbruch liegt zehn Jahre zurück. Sie wollte eigentlich immer mehrere Kinder haben.

« Als ich damals schwanger wurde, hatte ich meinen Freund gerade erst kennengelernt. Die Beziehung war völlig ungeklärt. Ich war gerade mit dem Studium fertig und startete mein Berufsleben. Ich war im Aufbruch. Ich konnte mir zu dieser Zeit überhaupt nicht vorstellen, ein Kind zu kriegen. Für mich war es ganz klar, daß ich abtreiben würde.
Ich hatte sehr gute Freundinnen und meine Schwestern, mit denen ich mich beraten habe. Ich habe mich in meiner Entscheidung gestützt und verstanden gefühlt. Es gab Diskussionen zwischen meinem Freund und mir, ob er zum Abbruch
mitkommt oder nicht. Ich wollte ihn zuerst nicht dabeihaben. Er war deshalb beleidigt und fühlte sich ausgegrenzt. Damals wollte ich mich nicht richtig auf ihn einlassen. Ich wollte das alles lieber mit meinen Freundinnen abwickeln.
Vor dem Abbruch hatte ich keine Angst. Ich habe meistens nicht soviel Angst vor medizinischen Behandlungen, sondern gehe da ganz mutig hin. Ich gehe solche Dinge immer ganz naiv an. Ich mache mir vorher überhaupt keine Gedanken, wie es sein wird. Es interessiert mich auch nicht, wie die das machen, mit welchen Instrumenten oder so. Ich lag ganz vertrauensvoll auf dem Stuhl. Mittendrin fand ich es doch unangenehm. Aber es war nicht so schlimm. Trotz allem habe ich mich auch geborgen gefühlt. Es war ein warmes Gefühl, und ich dachte, die werden das schon machen.
Hinterher habe ich von vielen Frauen gehört, daß es einem danach so schlecht geht, daß man es bedauert und daß man Depressionen bekommt. Aber all das kriegte ich nicht. Es ging mir vorher gut, und es ging mir nachher gut. Es war eine ganz klare Sache. Ich weiß noch, daß ich mir fast roh vorkam, weil ich kein bißchen traurig war. Ich fühlte mich fast schuldig deshalb,
Ich zog dann für ein Jahr in eine andere Stadt. Damit bin ich auch geflüchtet vor dieser herannahenden Beziehung. Dieser Schwangerschaftsabbruch hatte aber etwas in Gang gebracht. Ich war dadurch mit der Frage konfrontiert, was für mich ansteht. Es war wie eine Lebensentscheidungskurve um die 30. Ich wälzte das Problem: Was wird aus mir? Was bin ich denn? Bleibe ich nun ewig das kleine Mädchen, die Studentin? Was mache ich beruflich? Um das alles zu klären, hatte ich noch einmal ganz weggehen und mich aus alten sozialen Bezügen lösen müssen. Ich war mit meinem Freund schon relativ fest zusammen. Wir haben unsere Liebe auf Distanz versucht abzuklären.
In dieser Zeit habe ich sehr intensiv über das Kinderhaben nachgedacht, bewußt und unbewußt. Ich habe ständig davon geträumt. Ich habe viele Schwestern, die alle Kinder haben. Ich habe immer geträumt, wir würden zusammen gebären. Es war eine irrsinnige orgiastische Situation, wo wir alle Kinder kriegen. Ich habe mich über diese Träume gewundert, weil es real gar kein Thema für mich war. Es war so ein dumpfer Klärungsprozeß, den ich intellektuell gar nicht zugelassen habe.
Als ich nach einem Jahr zurückkam, war ich gleich wieder schwanger. Ich wußte zuerst nicht wie ich mich entscheiden soll. Ich habe solche Widerstände gespürt: Das geht doch nicht. Ich kann wegen meiner Arbeit letzt kein Kind kriegen. Mir geht es doch gerade so gut. Ich bin jetzt gerade beruflich so erfolgreich und könnte so toll einsteigen, und das wäre erst einmal abgebrochen. Ich hatte solche Bedenken. Ich ging deshalb zu einem Beratungsgespräch ins Familienplanungszentrum. Ich weiß noch, daß die Beraterin zu mir sagte: "Sie haben zwar Bedenken, aber Sie strahlen dabei völlig. Man sieht Ihnen einfach an, daß Sie das Kind haben wollen." Als ich von dem Gespräch zurückkam, war es plötzlich ganz klar. Es war, als wenn alle Barrieren gefallen sind, die ich wie Pappkameraden aufgebaut hatte. Alles war irgendwie in Ordnung.
Ich wollte zu der Zeit gerne ein Kind haben, Ich hatte das Gefühl: Jetzt muß es sein. Ich hatte mir nach dem Abbruch zur persönlichen Auflage gemacht, daß ich meine zweite Abtreibung nicht mehr entschuldigen würde. Inzwischen war ich auch in einer anderen Situation. Mein Freund und ich waren schon relativ fest zusammen. Er sagte ganz klar, daß er das Kind und alles, was dazugehört, will. Unsere Beziehung war nach wie vor unruhig, aber ganz anders als beim erstenmal.
Als meine Tochter geboren war, habe ich schlagartig alles anders gesehen. Da dachte ich: "Das ist doch ein Unding. Du hättest noch ein Kind haben können, und das hast du so einfach weggetan." Ich sah es auf einmal als etwas ganz Tolles, eine Chance, die ich vernichtet hatte. Das hatte ich vorher nie so gesehen.
Das wurde immer schlimmer, je mehr sich abzeichnete, daß die Beziehung nicht hält. Ich habe über Jahre versucht, ein zweites Kind hinzukriegen. Ich wollte eigentlich immer mehrere Kinder haben. Es war ein ganz großer Wunsch von mir, der sich nicht erfüllt hat. Es hat einfach nicht geklappt. In der Zeit wurde unsere Beziehung so schlecht, daß wir nur noch ganz wenig miteinander geschlafen haben. Es wäre ziemlich verrückt gewesen, in diesem Zerfallsprozeß noch ein Kind zu machen. Aber das hätte ich in jedem Fall bekommen. Das hätte ich irgendwie hingekriegt. Dann habe ich ganz intensiv gedacht: "Das ist die Strafe." Du hättest es ja haben können. Du hast es damals nicht gewollt, und nun kriegst du es eben nicht mehr.
Ich bedauere es sehr, daß meine Tochter allein ist. Ich bedauere sie, weil sie keine Geschwister hat. Aber ich denke trotzdem nicht, daß die Entscheidung damals falsch war. Zu dem Zeitpunkt wäre es einfach fürchterlich gewesen. Ich hätte es gar nicht annehmen können. Ich habe damals die Chance gehabt, und ich habe sie nicht wahrgenommen. Mein Beruf ist ein zentraler Aspekt in meinem Leben. Wenn es da Brüche gegeben hätte, wenn ich nicht die Möglichkeit gehabt hätte, das zu machen, was ich will, dann hätte ich es im nachhinein vielleicht noch viel mehr bedauert, als kein zweites Kind zu haben. Von daher ist die Trauer auch etwas sehr Vermischtes, »



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Inhaltsverzeichnis

Einführung

Das Familienplanungszentrum

Die Ergebnisse anderer Studien über psychische Folgen nach Schwangerschaftsabbruch

Zum Aufbau der Untersuchung

Danksagung

Teil I: Die Ergebnisse der Studie

Teil II: Persönliche Berichte

Chronik des Gesetzgebungsverfahrens in Deutschland
Die gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland
Rat und Hilfe
Schwangerschaftsabbrüche in Familienplanungzentren
Literatur