Traurig und befreit zugleich

Von Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer
Familienplanungszentrum Hamburg, www.familienplanungszentrum.de
Rororo Sachbuch, 141 Seiten, ISBN 3-499-19953-X
(derzeit vergriffen), Download von www.mifegyne.com


Teil II: Persönliche Berichte

...

Acht bis zehn Jahre danach

«Ein drittes Kind war mir einfach zuviel»
Karin ist 46 Jahre alt, Sozialpädagogin, verheiratet und hat zwei Söhne, die 13 und 16 Jahre alt sind. Ihr Schwangerschaftsabbruch liegt zehn Jahre zurück. Sie hat ihre Entscheidung nie bereut.

« Als ich das erste Mal schwanger wurde, haben wir ganz lange diskutiert. Mein Mann hatte die Einstellung, daß man in diese schreckliche Welt keine Kinder setzen soll. Ich selber wollte Kinder haben, aber erst ein oder zwei Jahre später. Wir haben es mit Freunden diskutiert und versucht, das Für und Wider abzuwägen. Aber für mich war das schwierig, und ich konnte dabei nicht mehr neutral sein, weil ich davon hauptsächlich betroffen war. Letztlich haben wir gesagt, es ist egal, ob wir jetzt oder später ein Kind bekommen. Wir schaffen es schon irgendwie. Drei Wochen später haben wir geheiratet. Es war für uns in Ordnung. Wir haben die Schwangerschaft nie wieder in Frage gestellt.
Bei der zweiten Schwangerschaft haben wir wieder über einen Abbruch diskutiert. Ich hatte eine Grippeschutzimpfung machen lassen, als ich noch nicht wußte, daß ich schwanger bin. Ich wurde von dieser Impfung sehr krank. Mein Frauenarzt sagte, ich solle sofort einen Abbruch machen lassen. Das wollte ich eigentlich nicht. Mein Sohn war zwei Jahre alt, und ich fand es schön, noch ein weiteres Kind zu haben. Ich war dann beim Impfinstitut und habe mich informiert. Wir haben herausgefunden, welcher Impfstoff das war. Die haben mich dann beruhigt und gesagt, daß es keine Komplikationen geben würde. Mein Mann war inzwischen mit seiner Ausbildung fertig und als Lehrer angestellt. Ich bekam eine halbe Stelle in der Altenpflegerinnenausbildung angeboten. Eine halbe Stelle mit zwei Kindern zu haben war für mich der ideale Einstieg. Es war jedoch mit wahnsinnig viel Arbeit verbunden. Wenn die Kinder abends im Bett waren, ging ich an den Schreibtisch. Ich war permanent unausgeschlafen. Ich habe nebenbei immer politisch und in der Gewerkschaft gearbeitet. Das wollte ich auch nicht fallenlassen. Aber ich habe mich wahnsinnig überlastet gefühlt. In dieser Zeit wurde ich irgendwann wieder schwanger. Als der Arzt mir sagte, daß ich schwanger bin, konnte ich es nicht glauben, weil ich eine Spirale hatte. Ich dachte dann gleich, das schaffe ich jetzt alles nicht mehr. Das kann ich nicht durchhalten mit einem dritten Kind. Es war für mich eine ganz schnelle Entscheidung. Der Arzt hat mit mir durch-gesprochen, wie der formale Weg sein muß, wenn ich bei meiner Entscheidung bleibe. Meinem Mann habe ich es dann erzählt und auch gesagt, was ich vorhabe. Wir haben beide nicht überlegt, noch ein drittes Kind zu haben, obwohl es finanziell und räumlich kein Problem gewesen wäre. Ich war zu häufig in der Situation, daß alle Mama schreien. Der Mann wartet, die Kinder warten, immer mit der Uhr in der Hand mußte alles organisiert werden. Da hatte ich einen Punkt, wo ich nicht mehr konnte und nicht mehr wollte. In der Beratung habe ich gesagt, daß ich gar nicht beraten werden will. Ich wurde nach meiner Situation gefragt und warum ich so entschieden bin. Ich habe es erklärt und habe dann den Schein bekommen.
Mein Arzt wollte den Abbruch mit Vollnarkose machen. Das wollte ich aber nicht. Davor hatte ich eine absolute Angst. Ich hatte zweimal Volinarkose gehabt und hatte jedesmal Angstträume, nicht in die Wirklichkeit zurückzukommen. Deshalb wollte ich den Schwangerschaftsabbruch in örtlicher Betäubung machen lassen.
Mein Mann war zu der Zeit auf Klassenreise. Meine Freundin hatte sich bereit erklärt, mich zu begleiten. Ich glaube, es war an einem sonnigen Tag. Ich habe ihn sehr schön in Erinnerung. Ich habe überhaupt nicht gezweifelt. Ich war froh, daß es so klappte, daß ich ins Familienplanungszentrum gehen und daß es in örtlicher Betäubung gemacht werden konnte.
Meine Freundin und ich haben uns unentwegt unterhalten. Sie hatte selbst auch mal einen Abbruch, der schon Jahre zurücklag. Sie mußte damals eine Woche in der Frauenklinik liegen. Wir waren beide ganz neugierig, wie das bei mir gehen würde.
Ich hätte auch gerne meinen Mann dabeigehabt. Aber er wäre wahrscheinlich angespannter gewesen. Meine Freundin war lockerer. Alle haben nett und freundlich mit mir gesprochen. Ich hatte das Gefühl von Zeit und Ruhe.
Ich habe zu Hause dann viel geschlafen, geruht und gelesen. Ich kann mich erinnern, daß die Tage für mich wie Erholung waren. Meine Mutter und meine Schwiegermutter waren da. Beide haben sich ganz rührend um mich und die Kinder gekümmert. Eine sorgte für das Mittagessen und den Haushalt, und die andere war für die Kinder da. Interessant war für mich, daß beide den Abbruch so positiv gesehen haben. Meine Mutter hat nie über ihre eigenen Abtreibungen gesprochen. Meine Schwiegermutter hat mir erzählt, daß sie selbst zwei Abtreibungen hatte. Beide fanden es gut, daß es heute viel einfacher geht.
Danach, habe ich noch ganz viel über den Abbruch gesprochen, mit einigen Frauen, aber auch mit Bekannten und Freunden. Ich habe immer ganz positiv davon gesprochen, weil ich es auch so erlebt habe. Durch die Gespräche ist mir klargeworden, wie viele Frauen Abbrüche hinter sich haben. Mit meinen Kindern habe ich vor ein oder zwei Jahren darüber gesprochen. Sie sind inzwischen 16 und 13 Jahre alt. Als im Fernsehen Diskussionen um den § 218 waren und ich merkte, daß sie sich zunehmend dafür interessieren, habe ich ihnen von meinem Abbruch erzählt. Sie waren ganz neugierig. Erst waren sie empört, weil sie damaIs unbedingt noch einen kleinen Bruder haben wollten, einen kleinen Bruder, der möglichst immer klein bleibt. Ich sagte ihnen, daß das Thema für mich abgeschlossen ist.
Mein Mann und ich haben damals nach dem Abbruch auch mit Freunden viel über Sterilisation diskutiert. Die Pille wollte ich nicht mehr, und mit der Spirale hatte ich nun auch meine Erfahrungen gemacht. Wir haben eine Sterilisation immer wieder hinausgeschoben. Dann habe ich darauf bestanden, daß mein Mann Präservative nimmt. Ich hatte so lange die Verantwortung gehabt, jetzt sollte er sie haben. Es klappte auch ganz gut. Keiner von uns hat sich sterilisieren lassen.
In den Jahren danach waren wir immer so belastet, daß ein weiteres Kind gar nicht mehr zur Diskussion stand. Ich freute mich, daß meine Söhne schon so groß und selbständig waren.
Ich habe sie auch so groß ganz gern. Ich brauche es für mich, daß ich auch einfach mal losfahren kann und nicht alle Mama schreien. Ich möchte die Beziehung zu meinem Mann hegen und pflegen, aber ich muß nicht noch mehr Kinder haben.
Ich hatte immer Angst davor, nach einer Kinderpause, den beruflichen Wiedereinstieg nicht zu kriegen. Ich kannte zu viele Frauen, die hohe Qualifikationen haben und die immer planten beruflich wieder einzusteigen, wenn die Kinder größer sind, und die es nie geschafft haben. »




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Inhaltsverzeichnis

Einführung

Das Familienplanungszentrum

Die Ergebnisse anderer Studien über psychische Folgen nach Schwangerschaftsabbruch

Zum Aufbau der Untersuchung

Danksagung

Teil I: Die Ergebnisse der Studie

Teil II: Persönliche Berichte

Chronik des Gesetzgebungsverfahrens in Deutschland
Die gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland
Rat und Hilfe
Schwangerschaftsabbrüche in Familienplanungzentren
Literatur