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Von Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer
Familienplanungszentrum Hamburg, www.familienplanungszentrum.de
Rororo Sachbuch, 141 Seiten, ISBN 3-499-19953-X
(derzeit vergriffen), Download von www.mifegyne.com
Teil II: Persönliche Berichte
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Ein Jahr danach
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«Drei Monate später war ich wieder schwanger» Inge ist 29 Jahre alt, Juristin und lebt mit ihrem Partner zusammen. Sie steht kurz vor der Entbindung ihres ersten Kindes. Ihr Schwangerschaftsabbruch liegt ein Jahr zurück.
«Wir hatten damals mit dem Diaphragma verhütet, aber Materialfehler soll es ja immer geben. Es hat erst einmal relativ lange gedauert, ehe ich mich überhaupt an den Gedanken gewöhnen konnte, daß ich schwanger sein könnte. Ich habe die ersten körperlichen Symptome gemerkt, und irgendwann kam dann das Resultat. Der Schwangerschaftstest war positiv. Ich wollte meiner Ärztin nicht so recht glauben. Dann habe ich es zunächst einmal zur Kenntnis genommen. Es war weder Euphorie noch tiefe Trauer da, sondern der Gedanke: "Aha, du kannst also auch schwanger werden." Das wußte ich vorher nicht. Man liest ja immer wieder, daß es nicht funktioniert. Dann habe ich es gleich meinem Freund erzählt, der hat es auch erst mal nur zur Kenntnis genommen. Dann haben wir zwei Wochen hin und her überlegt. Wir waren zu dem Zeitpunkt erst sieben oder acht Monate, zusammen. Er hatte gerade angefangen zu arbeiten, war gerade mit seinem Studium fertig. Wir haben beide festgestellt, wir könnten uns zwar vorstellen zusammenzuleben, aber wir fanden beide, daß es für ein Kind noch zu früh ist. Es wäre zuviel auf einmal gewesen. Wir wollten das Kind nicht haben. Die Entscheidung war gefallen, ohne daß wir noch große Schwierigkeiten damit hatten. Ich habe mir immer vorbehalten, daß 51 Prozent der Entscheidung bei mir liegen. Ich habe auch mit Freundinnen darüber gesprochen. Das Sprechen darüber hilft natürlich. Aber mir war klar, daß es meine Sache ist, die Entscheidung. zu fällen. Und damit konnte ich auch gut umgehen. Meinen Partner habe ich als Unterstützung erlebt, aber eher als passive Unterstützung. Das resultiert vielleicht auch aus meiner Einstellung, daß es letztendlich meine Entscheidung ist. Aber es gab nie eine Blockade zwischen uns. Ich hatte auch nicht das Gefühl, daß ich ihn überrumple. Ich wollte zum Eingriff ins Familienplanungszentrum gehen, denn eine Freundin hatte da auch schon einen Abbruch. Ich hatte auch mit meiner Ärztin gesprochen, aber die wollte es unter Vollnarkose machen. Das wollten wir beide auf keinen Fall. Wir wollten es schon bewußt miterleben. Ich habe mich im Familienplanungszentrum angemeldet und bin dort auch eingehend beraten worden. Ich habe mich da wohl gefühlt, so daß ich mich ruhigen Gewissens dorthinbegeben konnte. Am Tag des Eingriffs hatte mein Freund sich freigenommen. Wir mußten auch nicht lange warten. Was mir sehr zugute kam, ist die angenehme Atmosphäre im Familienplanungszentrum. Ich hatte immer das Gefühl, wenn es nicht geht, dann kann ich jederzeit wieder gehen. Mein Freund hatte auch gesagt, wenn du merkst, es geht nicht, dann machen wir auf dem Absatz kehrt und gehen wieder. Es war nie ein Hauch von Zweifel da.
Beim Eingriff selbst war die Krankenschwester, die neben mir stand, ganz hervorragend. Sie wirkte sehr kompetent. Sie war einfühlsam und erklärte mir viel. Die Ärztin hielt sich sehr zurück. Das fand ich auch in Ordnung. Sie hatte ihre Aufgabe zu erledigen, und die Krankenschwester war für mich da. Mein Freund war dabei, er saß auf der anderen Seite von mir. Ich konnte also zu beiden Seiten gucken und drücken. Es war wenig schmerzhaft. Ich hatte vorher keine Vorstellung, wie es sein könnte. Ich hatte meine Freundinnen, die schon einen Abbruch hatten, zwar gefragt, aber die hatten ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ich habe es auf mich zukommen lassen.
Danach konnte man so lange in diesem Ruheraum liegen, wie man wollte. Ich habe mich relativ schnell, so nach einer Stunde wieder gut gefühlt. Das war rundum eine positive Erfahrung. Ich habe nur mit Freundinnen und natürlich meinem Freund über den Schwangerschaftsabbruch gesprochen. Ich habe von niemandem Druck gehabt, aber ich hätte auch nie welchen haben wollen. Das stelle ich mir ganz furchtbar vor, bei solch einer Entscheidung Druck zu haben. Ich hatte viel Unterstützung, und ich hätte mir noch mehr holen können. Ich habe mich damals auch mit einer Freundin auseinandergesetzt, die zu dem Zeitpunkt gerade schwanger war. Für sie wäre ein Abbruch nie in Frage gekommen. Sie stellte mir damals die Frage: "Hast du gar kein schlechtes Gewissen dabei?" Da habe ich sie ganz ungläubig angeguckt und gesagt: "Ich glaube, ich verstehe nicht, was du meinst. Ein schlechtes Gewissen würde ich damit überhaupt nicht in Verbindung bringen." Ich habe nicht das Gefühl, daß ich einen Frevel begangen hätte und nun gebeugt durchs Leben gehen muß. Mit meinen Eltern wollte ich auf keinen Fall darüber sprechen, obwohl meine Mutter auch einen Abbruch hatte. Ich habe keinen besonders guten Draht zu meinen Eltern, so daß ich mich mit denen über so ein Thema nicht auseinandersetzen mochte. Wir haben nach dem Abbruch weiter mit Diaphragma verhütet, und zwar ganz brav vom ersten Zyklustag bis zum letzten. Bei der ersten Schwangerschaft konnte man noch sagen, vielleicht waren wir etwas unvorsichtig. Weil wir so gewissenhaft verhütet haben, ist es ein Phänomen, daß es zu der zweiten Schwangerschaft gekommen ist. Ich habe aber nach wie vor Vertrauen zu diesem Diaphragma. Ich wüßte ehrlich gesagt auch keine Alternative. An meiner Sexualität hat sich nach dem Schwangerschaftsabbruch nichts verändert. Es ist genauso, wie es vorher auch war.
Durch den Abbruch ist einiges in Bewegung gekommen.
Zunächst wurde uns klar, daß wir auch zusammenziehen wollten. Eine Riesenveränderung ist natürlich, daß ich drei Monate nach dem Abbruch wieder schwanger wurde und es geblieben bin. Wenn ich zur Arbeit fahre, komme ich immer am Familienplanungszentrum vorbei. Irgendwann, etwa zwei Monate nach dem Abbruch, ertappte ich mich bei dem Gedanken, also hier haben wir unser Kind gelassen. Das war ganz eigenartig. Es hat mich nicht in Depressionen gestürzt, aber ich war ganz verdutzt, wie es mich doch noch beschäftigte. Ich merkte, daß das Thema Kind nach dem Abbruch plötzlich aktuell geworden war. Als ich dann wieder schwanger wurde, was ja auch nicht geplant war, da wurde mir so bewußt, daß ich wieder einen Abbruch hätte machen lassen, wenn es meine erste Schwangerschaft gewesen wäre. Für mich war offensichtlich dieser erste Abbruch notwendig, um mir Gedanken zu machen, ob ich ein Kind will oder nicht. Dabei war es nicht so, daß ich nach dem Abbruch konkret gesagt hätte, ich will auf jeden Fall in nächster Zeit ein Kind. Etwa im fünften Monat meiner Schwangerschaft habe ich dann so überlegt, wieso bekomme ich eigentlich dieses Kind und nicht das erste. Obwohl ich immer im Kopf hatte, wenn dieses die erste Schwangerschaft gewesen wäre, hätte ich auch dieses Mal abgebrochen. Das ist so merkwürdig ambivalent. Für meinen Freund ist es das gleiche Kind. Er sagt, irgendwie wollte dieses Kind unbedingt zu uns. Die Seele hat offensichtlich auf die nächste Chance gewartet, und deshalb sind wir so schnell wieder schwanger geworden. Ich sehe das ein bißchen biologischer. Für mich ist der Schwangerschaftsabbruch nach wie vor kein Problem, sondern es war wie eine Grenzerfahrung. Es war eine Herausforderung, der ich mich gestellt habe. Es gibt immer Entscheidungen im Leben, die für einen selbst in Ordnung sind, von denen andere Leute meinen, daß man wie ein Schwein gehandelt hat. Es ist keine Schuldfrage für mich. Jede Entscheidung ist mit Abwägen und Schwierigkeiten verbunden, aber sie erweitert die Bandbreite der Möglichkeiten. Es ist eine Entscheidung, die hauptsächlich ich gefällt habe und die ich immer tragen muß. Genauso wie ich mit diesem Kind ein Leben lang leben muß, nicht unbedingt geographisch, aber mit dem Wissen, es in die Welt gesetzt zu haben. Ich finde, das ist eine schöne Perspektive, die auch sehr viel Autonomie bedeutet. Ich bin dafür immer verantwortlich. »
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Inhaltsverzeichnis
Einführung
Das Familienplanungszentrum
Die Ergebnisse anderer Studien über psychische Folgen nach Schwangerschaftsabbruch
Zum Aufbau der Untersuchung
Danksagung
Teil I: Die Ergebnisse der Studie
Teil II: Persönliche Berichte
Chronik des Gesetzgebungsverfahrens in Deutschland
Die gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland
Rat und Hilfe
Schwangerschaftsabbrüche in Familienplanungzentren
Literatur
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