Traurig und befreit zugleich

Von Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer
Familienplanungszentrum Hamburg, www.familienplanungszentrum.de
Rororo Sachbuch, 141 Seiten, ISBN 3-499-19953-X
(derzeit vergriffen), Download von www.mifegyne.com


Teil II: Persönliche Berichte

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Ein Jahr danach

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«Ich habe vorher gelitten nicht danach»
Barbara ist 31 Jahre alt, Biologin, seit acht Jahren hat sie eine feste Partnerschaft. Ihr Schwangerschaftsabbruch liegt ein Jahr zurück. Ihr war die Entscheidung schwergefallen, weil sie sich wünschte, das Kind zu bekommen.

«Ich konnte zuerst nicht glauben, daß ich schwanger bin. Wir hatten mit Kondomen verhütet, und ich fühlte mich damit sicher. Wir können uns nach wie vor nicht erklären, wie es trotzdem zur Schwangerschaft kam.
Als ich feststellte, daß ich schwanger bin, war ich zunächst unheimlich berührt und habe. mich ganz weiblich gefühlt. Ich war ganz angetan davon, daß ich schwanger werden kann. Ich hatte nicht erwartet, daß es so ein schönes Gefühl ist.
Dann sagte mein Freund, daß er das Kind nicht will. Für ihn war das ganz klar und eindeutig. Es war sehr hart für mich, mit seiner Reaktion konfrontiert zu sein. Es war auch überraschend, daß er so eindeutig nein sagte. Damit hatte ich nicht gerechnet.
Die ganze Situation war für mich besonders schmerzlich. Beruflich war ich in einer belastenden und anstrengenden Zeit. Meine Ausbildung war noch nicht beendet, und ich war finanziell nicht abgesichert. Außerdem arbeitete ich in einem Labor, wo man sehr vorsichtig sein muß, wenn man schwanger ist. Hinzu kam, daß mein Freund sich in eine andere Frau verliebt hatte. Das war besonders schlimm für mich.
Ich stand dadurch in der Situation, mir zu überlegen, ob ich das Kind alleine haben will. Letztendlich habe ich mich dagegen entschieden. Wenn mein Freund gesagt hätte, daß er das Kind haben will und mich dabei unterstützt, dann hätte ich das Kind bekommen. Es war ein ziemlich langer Entscheidungsprozeß. Ich hatte mich anfangs dafür entschieden. Aber nach längeren Gesprächen habe ich es mir nicht mehr zugetraut. Es war mir einfach zuviel. Ich wäre so allein damit gewesen. Natürlich war ich auch enttäuscht, daß er gesagt hat, er will dieses Kind nicht. Aber dadurch war es allein meine Entscheidung. Ich hatte nicht die Hoffnung, das klappt doch noch, er will das Kind auch, wenn es erst einmal da ist.
Ich fühlte mich mit der Entscheidung nicht überfordert. Es war eine schwere Entscheidung, die mich sehr traurig machte. Aber ich bin nach wie vor überzeugt, daß es so richtig war. Trotzdem ist ein Stück Resttrauer geblieben. Aber ich konnte damit sein, und beides konnte nebeneinander stehen.
Was ich damals ganz hilfreich fand, war der Vorschlag, den eine Freundin mir machte, daß ich mich von diesem Kind verabschieden soll, d. h., ich sollte in mich gehen und dem Kind die Frage stellen, ob es okay ist, wenn es jetzt geht. Zuerst fand ich das so abgehoben, so ein bißchen esoterisch. Aber ich fand es wirklich hilfreich. Das hat mich damals ziemlich berührt. Ich hatte das Gefühl, für mich war die Antwort, daß es okay ist. Es hat mir dabei geholfen, es so zu sehen, wenn ich das Kind jetzt abtreibe, dann heißt es nicht, daß ich keine Kinder haben kann, sondern daß es einfach jetzt für den Moment ist. Das hat es mir einfach leichter gemacht, das auch tun zu dürfen. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas Böses zu tun.
Bis zu dem Tag, an dem der Eingriff war, habe ich über die Entscheidung nachgedacht und es hin und her gewälzt. Ich hatte Angst vor dem Eingriff, Angst vor dieser Betäubungsspritze und überhaupt so eine Angst. Ich habe mich gefragt, wie es mir danach körperlich gehen wird. Und ein bißchen auch, wie es sich dann psychisch anfühlt. Da hatte ich doch Befürchtungen.
Mein Freund hat mich begleitet, und er war auch beim Eingriff dabei. Ich wollte das gerne und er auch. Es war gut, eine vertraute Person dabeizuhaben. Ich weiß noch, daß ich im Behandlungsraum aufgeregt war. Die Krankenschwester fand ich unheimlich nett und sehr liebevoll.
Kurz danach habe ich mich ziemlich flau gefühlt. Ich hatte ganz weiche Knie, auch noch als ich nach Hause ging. Zu Hause habe ich mich dann ins Bett gelegt. Ich hatte das große Glück, daß eine Freundin dann eine Woche bei mir war. Sie hat mich bekocht und verwöhnt. Zuerst war mein Freund da, und dann war sie die ganze Zeit da. Das war einfach wichtig für mich. Ich konnte auch sagen, ich möchte jetzt mal eine Stunde ins Bett gehen oder ich möchte jetzt alleine sein. Es war schön zu wissen, daß einfach jemand da ist.
Als mein Freund mir vor dem Abbruch gesagt hatte, daß er dieses Kind nicht will, hatte ich mich erst einmal von ihm zurückgezogen. Danach hat er mir dann sehr geholfen. Er hat sich um mich gekümmert.
Ich habe dann immer damit gerechnet, daß ich psychisch noch einmal abstürze. Das ist aber nicht eingetreten. Ich war traurig, aber das habe ich mir zugestanden. Jetzt habe ich auch keine Angst mehr, daß da noch was kommt. Es kann mich schon noch manchmal Trauer überkommen, aber das finde ich okay. Es ist ja auch traurig. Aber ich blieb dabei, daß die Entscheidung richtig für mich ist.
Für mich war die Zeit vor dem Abbruch eindeutig schwieriger als die Zeit danach. Zum Schluß war die Entscheidung so ziemlich rund. Ich habe hinterher eigentlich nicht gelitten, sondern in der Zeit davor. Ich habe darunter gelitten, daß ich allein vor dieser Entscheidung stand. Und daß ich mich so entscheiden mußte, weil ich eigentlich das Kind gerne wollte.
Von der Schwangerschaft habe ich zuerst nur meiner Freundin erzählt. Sie hat sehr verständig reagiert und hat mir dann erzählt, daß sie selber ein halbes Jahr vorher einen Schwangerschaftsabbruch hatte. Das hatte sie mir früher nicht erzählt. Es ist doch etwas anderes, mit jemandem darüber zu sprechen, der so eine Erfahrung gemacht hat, als mit jemand, der noch nicht vor dem Problem gestanden hat. Letztlich wußte mein ganzer Freundeskreis von dem Abbruch, weil mein Freund es denen erzählt hatte. Es war ihm wichtig, darüber reden zu können. Ich hatte es nicht erzählt. Das stand dann zwischen unseren Freunden und mir, und dadurch entstand ein komisches Verhältnis. Deshalb habe ich es dann angesprochen. Das war einfach nötig. Und es war gut für mich, darüber zu sprechen. Man hat mir gesagt, wir hören dir gerne zu und du kannst auch jederzeit gerne kommen. Ich bin nicht gedrängt worden zu dem einen oder anderen. Ich wollte nicht, daß meine Kommilitonen es erfahren. An meinem Arbeitsplatz habe ich es auch nicht erzählt. Da hatte ich kein Vertrauen. Und meinen Eltern habe ich es auch nicht erzählt. Gerade meine Eltern sollten es auf keinen Fall wissen. Ich habe befürchtet, daß sie mir Vorwürfe machen. Ich denke, das werde ich ihnen auch nie erzählen,
Nach dem Abbruch haben mein Freund und ich ziemlich lange nicht mehr miteinander geschlafen. Wir hatten ziemlich viel Panik, daß es noch einmal passieren kann. Mit unserer Verhütung sind wir viel vorsichtiger geworden. Ich habe danach angefangen, meine Temperatur noch zusätzlich zu messen. Wir benutzen jetzt auch wieder Kondome. Es ist auch ein Problem, weil ich nicht bereit bin, die Pille zu nehmen.
Negative Folgen hatte der Abbruch für mich eigentlich nicht. Alle Schwierigkeiten haben sich so nach und nach aufgelöst. Ich war damals einfach in einer sehr angespannten Situation, wo auch viele Faktoren in meinem Leben sehr anstrengend waren und viel Kraft erfordert haben. Ich hätte es mir natürlich anders gewünscht. Zum einen das mit meinem Freund. Und ich hätte mir gewünscht, einen Arbeitsplatz zu haben, wo man abgesichert ist, wenn man schwanger wird. Ich habe gemerkt, daß diese Ausbildung ein großes Manko hat. Man studiert sieben Jahre, und dann ist man finanziell überhaupt nicht abgesichert. Das ist einfach schlecht,
Ich möchte nach wie vor irgendwann gerne Kinder haben, nur im Moment nicht. Mein Freund sagt auch, grundsätzlich ja, aber im Moment nicht.»




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Inhaltsverzeichnis

Einführung

Das Familienplanungszentrum

Die Ergebnisse anderer Studien über psychische Folgen nach Schwangerschaftsabbruch

Zum Aufbau der Untersuchung

Danksagung

Teil I: Die Ergebnisse der Studie

Teil II: Persönliche Berichte

Chronik des Gesetzgebungsverfahrens in Deutschland
Die gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland
Rat und Hilfe
Schwangerschaftsabbrüche in Familienplanungzentren
Literatur