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Von Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer
Familienplanungszentrum Hamburg, www.familienplanungszentrum.de
Rororo Sachbuch, 141 Seiten, ISBN 3-499-19953-X
(derzeit vergriffen), Download von www.mifegyne.com
Teil II: Persönliche Berichte
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Ein Jahr danach
«Ich hatte große Angst, etwas zu verdrängen»
Anna ist 25 Jahre alt, Studentin und lebt mit ihrem Freund zusammen. Ihr Schwangerschaftsabbruch war vor einem Jahr. Es war für sie das Gravierendste, was sie bisher erlebt hat.
«Seit meinem 17. Lebensjahr habe ich die Pille genommen. Ich habe nie Probleme damit gehabt. Vor ungefähr zwei Jahren wurde ich sehr krank. Ich hatte plötzlich Haarausfall. Mir fielen immer mehr Haare aus, und ich war fast kahl. Ich bin zu sehr vielen Ärzten gegangen. Keiner wußte, woher das kommt. Es wurde vieles ausprobiert, und dabei ging es auch um die Pille. Ein Arzt sagte, ich solle erst einmal ganz aufhören, Medikamente zu nehmen, also die Pille auch nicht mehr. Das ging ein Jahr gut, auch ohne Pille ist nichts passiert. Ich dachte, mit unserer Verhütung würde es keine Probleme geben. Wir benutzten Kondome, und ich habe ein bißchen Temperatur gemessen. Ich bin trotzdem schwanger geworden, obwohl wir alles sachgemäß gemacht haben. Als meine Regel ausblieb, dachte ich an eine Schwankung. Nach einer Woche war mir schon ein bißchen komisch. Ich merkte, daß die Brust fester wurde. Ich besorgte mir einen Schwangerschaftstest, obwohl ich nicht dachte, daß ich schwanger bin. Ich dachte, die Verspätung hat mit der Krankheit zu tun. Dann war das Ergebnis positiv. Indem Moment wußte ich überhaupt nicht, was jetzt passiert. Ich war absolut geschockt. Ich konnte es nicht glauben. Mein Freund war nicht zu Hause. Ich überlegte, wie ich es ihm sagen kann. Ich bin dann erst einmal spazierengegangen. Abends habe ich es ihm erzählt, und er war auch völlig hilflos. Das kann man gar nicht beschreiben. Alles stürzte so über uns zusammen.
Ich hatte nie das Gefühl, daß ich mich auf ein Kind freuen würde. Für mich war es innerlich schon klar, daß ich es nicht will. Ich wollte diese ganze Situation überhaupt nicht. Meine Krankheit hatte gerade den Höhepunkt erreicht, so daß ich schon damit das Gefühl hatte, alles ist mir zuviel.
In der Zeit war ich wegen meiner Krankheit bestimmt bei 20 Ärzten. Das war natürlich wahnsinnig anstrengend. Ich war sehr unausgeglichen. Mir ging es ganz schlecht. Ich hatte mal von Pro Familia gehört und dachte, daß mir da erst einmal geholfen werden kann. Mein Freund ist mitgekommen. Es war gut, daß wir es zusammen gemacht haben. In der Beratung konnte ich alles erzählen. Ich hatte nicht das Gefühl, daß ich etwas falsch machen würde. Ich wollte den Abbruch machen lassen. Ich habe natürlich auch in Erwägung gezogen, das Kind zu bekommen. Ich habe überlegt, wie sich mein Leben verändern würde. Aber es ging einfach nicht. Für mich war es ziemlich schwer, mit meinen moralischen Empfindungen umzugehen, die mir vorher nicht bewußt waren. Ich habe mit Freunden darüber gesprochen. Die sagten: "Du mußt dir das genau überlegen und vielleicht auch mit deinen Eltern besprechen." Ich habe eigentlich ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Deshalb wäre es mir auch wichtig gewesen, es ihnen zu erzählen. Aber es hätte mich nicht weitergebracht. Meine Eltern hätten sich nur Sorgen und viele Gedanken gemacht. Ich habe mit Freunden gesprochen, die ganz unterschiedliche Einstellungen dazu haben und andere Perspektiven nannten, über die ich noch nie nachgedacht hatte. Ich konnte gut darüber reden. Ein Freund hat mir erzählt, daß seine Mutter vor langer Zeit abgetrieben hat und daß sie heute noch wahnsinnige Probleme hätte. Daß man sich das aus diesem Grund sehr genau überlegen sollte. Ich hatte immer Angst, daß ich irgend etwas verdränge, daß ich mir etwas nicht bewußt mache oder außer acht lasse und dann in ein paar Jahren oder direkt danach einen Zusammenbruch erleide. Das war meine größte Angst. Es war mir deshalb wichtig, mich mit allen Aspekten zu beschäftigen, und irgendwann war ich mir dann sicher, daß ich keine Probleme danach haben werde. Die Gespräche mit den Freunden waren dabei sehr hilfreich für mich. Meine Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch kann ich schwer vergleichen mit anderen wichtigen Entscheidungen, die ich getroffen habe. Es ist zu elementar. Diesen absoluten Einschnitt, den hätte ich nicht hingekriegt. Es stellt eine eklatante Veränderung des Lebens dar. Eine größere Veränderung könnte ich mir nicht vorstellen. Ganz anders wäre es natürlich, wenn man sich ein Kind wünscht. Am Tag des Eingriffs war ich wahnsinnig aufgeregt. Aber ich hatte einen Eingriff vor mir, über den ich genau informiert war. Durch die Beratung vorher wußte ich, was auf mich zukommt, und das war sehr wichtig für mich. Ich habe mich eigentlich auch ein bißchen gefreut. Ich habe zwar ein wenig Angst gehabt, daß es weh tun könnte, aber ich dachte: Wenn du das jetzt geschafft hast, dann ist es vorbei. Deshalb ging es mir ganz gut.
Beim Abbruch war es gut, daß mir immer gesagt wurde, was gerade gemacht wird. Ich hatte fast keine Schmerzen. Die Krankenschwester hat mir den Bauch massiert. Das empfand ich als sehr angenehm. Mein Freund war mitgekommen. Als ich aus dem BehandIungsraum kam, saß er schon da. Das war für mich sehr schön. Er konnte meine Hand halten. Ich fühlte mich richtig geborgen. Zu Hause habe ich mich ein bißchen ausgeruht. Mein Freund hat mich gezügelt, das war auch ganz schön. Ich war körperlich ein bißchen schlapp, aber psychisch ging es mir gut. Ich harte keine Schmerzen. Es fühlte sich an, als wenn ich meine Regel hätte. Ich war erleichtert, daß ich es hinter mich gebracht hatte. Alles war vorbei. Ich konnte es dann mit vielen besprechen. Obwohl ich meinen Freund als sehr mitfühlend und feinfühlig empfand, denke ich, gerade solche Sachen sind besonders gut mit Freundinnen zu besprechen. Man versucht ja auch, es vor sich und den anderen zu rechtfertigen. Obwohl ich es nicht für unrecht halte. Es ist der Gedanke, das hätte ein Baby werden können. Wenn man sich verstanden fühlt und mit seiner Entscheidung akzeptiert wird, ist das eine Hilfe. Und wichtig ist auch, daß man nicht so alleine ist. Daß sich auch jemand sorgt. Ich habe mich die ganze Zeit danach richtig wohl gefühlt. Es war so, als wäre mir ein Stein vom Herzen gefallen. Da habe ich es dann endgültig gemerkt, daß alles wieder völlig in Ordnung war. Ich bin danach ziemlich schnell wieder in den Alltag hineingerutscht. Das war auch gut so. Es war besser für mich, als mich zu verstecken oder abzuschotten. Das hatte ich am Anfang gemacht, als ich so krank geworden bin. Da hatte ich mich zwei Wochen eingeschlossen und wollte überhaupt nicht mehr hinaus. Ich habe erst später gemerkt, daß das falsch war und es mir dadurch noch schlechter ging. Kurz nach dem Schwangerschaftsabbruch hatte ich ein komisches Gefühl, wenn ich kleine Babys gesehen habe. Ich habe auch öfter nachgerechnet, wie weit die Schwangerschaft wäre. Aber das war nicht schlimm. Ich weiß noch nicht, ob ich irgendwann mal ein Kind möchte. Das liegt wohl auch daran, daß ich mit meiner Berufsausbildung noch nicht fertig und auch finanziell noch nicht abgesichert bin. Wenn ich schon verdienen würde, wäre es vielleicht etwas anderes. Ich habe ein Stück Lebenserfahrung für mich bekommen. Ich denke, das alles werde ich nie vergessen oder verdrängen. Es war für mich ein wichtiges Ereignis, und das möchte ich auch nicht vergessen. Die Auseinandersetzungen und Überlegungen waren sehr schwierig, Aber ich mußte mich mir diesen Dingen auseinandersetzen, und das fand ich gut. Ich mußte mit diesen Schwierigkeiten und Problemen umgehen. Ich würde sagen, das war das Gravierendste, was in meinem Leben bisher eingetreten ist. Ich denke, es ist für später hilfreich, wenn man weiß, das habe ich auch einmal geschafft. Durch diese Erfahrung habe ich überhaupt erst eine Einstellung zur Abtreibung bekommen, ich war vorher eigentlich eher desinteressiert. Ich war ja nie persönlich betroffen. Ich habe dann gemerkt, wie wichtig es ist, sich für solche Sachen einzusetzen. Andere Frauen sollten beim Abbruch auch so. gut behandelt werden, wie ich in der Situation. Sie sollen nicht zu etwas gezwungen werden, Man braucht keine Instanz, die einem sagt, was man zu tun hat. Das hätte mir auch überhaupt nicht gefallen. Man kriegt auf jeden Fall ein stärkeres Bewußtsein, wenn man so etwas selbst entschieden hat.»
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Inhaltsverzeichnis
Einführung
Das Familienplanungszentrum
Die Ergebnisse anderer Studien über psychische Folgen nach Schwangerschaftsabbruch
Zum Aufbau der Untersuchung
Danksagung
Teil I: Die Ergebnisse der Studie
Teil II: Persönliche Berichte
Chronik des Gesetzgebungsverfahrens in Deutschland
Die gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland
Rat und Hilfe
Schwangerschaftsabbrüche in Familienplanungzentren
Literatur
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