Traurig und befreit zugleich

Von Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer
Familienplanungszentrum Hamburg, www.familienplanungszentrum.de
Rororo Sachbuch, 141 Seiten, ISBN 3-499-19953-X
(derzeit vergriffen), Download von www.mifegyne.com


Teil II: Persönliche Berichte

...

Wenige Wochen nach dem Schwangerschaftsabbruch

...

«Es hat mich enorm viel Kraft gekostet»
Sonja ist 35 Jahre alt und als Angestellte halbtags beschäftigt. Sie ist verheiratet und hat einen zwölfjährigen Sohn. Ihr Schwangerschaftsabbruch war vor sechs Wochen, und die psychische Verarbeitung des Erlebten beschäftigt sie noch sehr.

«Wir hatten mit der Temperaturmethode und Kondomen verhütet, und deshalb weiß ich auch nicht, wieso ich schwanger geworden bin. Als ich den Test gemacht hatte, fühlte ich mich in der Klemme. Im Hinterkopf habe ich aber gedacht, wenn mein Mann sich freuen würde, dann würde ich mich auch freuen. Mir war aber klar, daß er das nicht tun würde. Aber es hätte meine Entscheidung stark beeinflußt. Ich hatte dann das Gefühl gehabt, nicht so allein damit zu sein.
Ich habe dann gemerkt, daß es mir peinlich war, schwanger zu sein. Als ob ich dafür allein verantwortlich wäre. Ich habe dafür genausoviel oder sowenig getan wie mein Mann, und trotzdem war es mir peinlich. Ich fand mich so kolossal unglaubwürdig. Ich hatte früher schon einen Abbruch, und danach hatte ich gesagt, daß mir das nie wieder passieren würde.
Mein Mann fragte mich dann, ob ich ein Kind will oder nicht. Ich habe gesagt: "Ich weiß es nicht." Wir haben die ganze Zeit bis zum Abbruch beides diskutiert. Mein Mann sagte: "Wenn du das Kind gerne haben möchtest, dann sage ich nicht nein. Aber eigentlich will ich das nicht. Wenn ich mir vorstelle, jetzt noch ein Kind und die ganze Unruhe, die es mit sich bringt, und dann mein anstrengender Job. Wenn ich dann nach Hause komme, bist du genervt, weil du den ganzen Tag mit dem Kind verbracht hast, oder du bist im Streß. Obwohl es bestimmt auch ganz niedlich wäre." Er hat mir den Ball zugespielt: Ich würde zwar mitmachen, aber entscheiden mußt du das. Ich hatte das Gefühl, wenn ich mich dafür entscheide und bin dann kolossal genervt, habe ich nicht das Recht dazu, denn ich habe es entschieden und muß damit fertig werden. Wenn er das Kind gewollt hätte, dann hätte er die ganze Gefühlsleiter unterstützt. Ich könnte mir vorstellen, daß ich mich dann auch dafür entschieden hätte. Aber vielleicht hätte ich im letzten Moment auch nein gesagt.
Was mich auch in Zwiespälte gestürzt hat, war mein Alter. Ich bin jetzt 35, und nach dieser Entscheidung werde ich sicherlich kein Kind mehr kriegen.
Auch die Situation in unserer Beziehung hat mich in größere Zwiespälte gestürzt. Kurz bevor ich schwanger wurde, hatte mein Mann eine Freundin. Das hatte mich erst einmal umgehauen, weil ich nicht damit gerechnet habe. Es war stressig, aber es hat sich letztlich herauskristallisiert, wie gut unsere Beziehung ist.
Ich hatte nicht das Gefühl, bei uns bricht alles zusammen, wenn wir jetzt ein Kind kriegen würden. Das war es nicht. Es wird immer diskutiert, man muß einen guten Grund haben, es nicht zu kriegen. Das kann aber ein Grund sein, der nicht die öffentliche Anerkennung genießt. Bei mir persönlich war es hauptsächlich der Grund, daß ich die Verantwortung dafür alleine nicht übernehmen wollte, auch wenn mein Umfeld gesichert ist.
Von dem Moment an, wo ich wußte, daß ich schwanger bin, bis zum Abbruch, war ein großer Zwiespalt in mir. Ich war kolossal hin und her gerissen und habe das als sehr schlimm empfunden. Das habe ich überhaupt noch nicht erlebt. Sonst drehe und wende ich eine Sache und komme dann zu einem Entschluß. Dieses Mal habe ich bis zur letzten Minute überlegt, ob das richtig ist oder nicht. Vom Gefühl her wollte ich das Kind. Vom Kopf und meinen Erfahrungen her wollte ich es nicht. Das war für mich ganz schwer unter einen Hut zu bekommen. Ich habe mich diesem Kind unheimlich verbunden gefühlt. Das habe ich vorher noch nie so erlebt, nicht einmal, als ich mit meinem Sohn schwanger war. Da war auch eine Verbundenheit, aber so ganz normal. Dieses Mal hatte ich das Gefühl, es spricht mit mir. Das hört sich jetzt komisch an, aber es war, als ob permanent eine Zwiesprache stattfand. Ich habe auch ein Gefühl gehabt, daß ich jemandem eine Chance nehme. Ich habe das Gefühl gehabt, daß ich meine Bedürfnisse beiseite schieben müßte. Das ist eigentlich mit meiner Vergangenheit gar nicht zusammenzubringen, weil ich mir über solche Dinge vorher nie Gedanken gemacht habe. Ich denke, das hängt vielleicht damit zusammen, daß ich jetzt so lange Zeit beobachtet habe, wie mein Sohn sich entwickelt. Vielleicht hängt es auch mit der guten Beziehung zu meinem Mann zusammen. Mich hat es sehr überrascht, daß ich eine so starke Verantwortung gefühlt und auch daß ich so eine persönliche Beziehung zu diesem Embryo empfunden habe. Mein Mann war mir keine große Hilfe. Er hat mich zwar sehr umsorgt, aber er hat meine Auseinandersetzung nicht verstanden. Für ihn war es halt eine Entscheidung, ob wir es wollen oder nicht. Das bedeutet die und die Einschränkung, und sind wir dazu bereit oder nicht. Das war für mich eine zweitrangige Sache.
Ich habe natürlich mit Freundinnen darüber gesprochen, die sehr unterschiedlich darauf reagiert haben. Die einen haben es abgelehnt, mich zu beraten: Das mußt du selbst entscheiden. Eine andere Freundin, die gerade ein Kind gekriegt hat und in totalem Kinderstreß ist, hat versucht, mich bis zur letzten Minute zu überreden, das Kind zu kriegen. Andere haben mir total abgeraten. Ich wollte über mich und mein Problem reden, aber es kam immer wieder: Bei mir war das so und so. Ich hatte immer das Gefühl, das Gespräch dreht sich gar nicht um mich. Das hat mir gar nicht geholfen. Das waren alles Erfahrungen, die mit mir nichts zu tun hatten. Es ist fast so, als ob sie es nicht akzeptieren konnten, daß ich mich überhaupt damit beschäftige, das Kind nicht haben zu wollen.
Geholfen hat mir meine Schwester, die selber keinen Abbruch hatte. Sie hat zwei Kinder. Sie konnte meine Gefühle verstehen. Sie hat weder Kritik geübt noch mir zugeredet, noch irgendwelche Standpunkte vertreten. Sie war einfach nur da, hat sich das angehört und hat mal nachgefragt. Für mich war es enorm wichtig, daß jemand versteht, mir geht es schlecht und ich schlage mich mit einem Zwiespalt herum, und dabei nicht versucht, mich zu beeinflussen.
Geholfen hat mir, glaube ich, auch, daß ich mich früher viel mit der Frauenbewegung beschäftigt habe. Geholfen hat mir dieses Selbstbewußtsein, das ich aus der Zeit noch mit mir herumtrage. Weil ich dieses Mal, wo ich so stark emotional beteiligt war, diesen Druck von außen doch stark gespürt habe, wie die Kritik von Freundinnen und meiner Mutter. Die meint, wenn man schwanger ist, hat man das Kind auch zu kriegen.
Ich hatte häufig das Gefühl, daß mir von außen signalisiert wird, daß ein Abbruch zwar eine Möglichkeit ist, aber eigentlich tut man das nicht, und eigentlich spricht man auch gar nicht so offen darüber, und eigentlich läßt man andere am besten damit in Ruhe und macht es heimlich still für sich, wenn es denn schon sein muß. Das ist etwas, was ich nicht akzeptieren kann.
Ich schwimme mich eigentlich gerade frei. Mein Sohn ist relativ selbständig, und ich habe wieder angefangen zu arbeiten. Ich habe einen ganz guten Job, Ich verdiene für mich selbst, was natürlich auch wieder Selbstbewußtsein gibt. Als ich bei Pro Familia zur Beratung war, hatte ich mich eigentlich schon entschlossen, den Abbruch zu machen. Allerdings mit dem Hintertürchen, du kannst es dir bis zur letzten Minute überlegen; denn man ist ja einem enormen Zeitdruck ausgesetzt. Man muß sich letztendlich in einer relativ kurzen Zeit entscheiden. Bei mir hat es dann noch zwei Wochen gedauert, bis ich den Abbruchtermin hatte. Was einerseits nicht schlecht war, weil ich dadurch mehr Zeit hatte. Andererseits war es eine Belastung, denn wenn man sich zu einem Abbruch entschlossen hat, möchte man, daß es schnell über die Bühne geht.
Am schlimmsten ging es mir eigentlich am Abend davor. Da habe ich das berühmte Mauseloch gesucht und nicht gefunden. Das war ganz schlimm. Ich hatte so ein Opfer-Gefühl. Ich fühlte mich wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Ich hatte natürlich auch Angst vor dem Abbruch. Morgens dachte ich, du hast dich dafür entschlossen und jetzt mußt du da auch hingehen. Daß mein Mann mit war, war einerseits hilfreich, andererseits aber auch lästig. Ein Teil von mir wollte das lieber alleine abwickeln. Diese Reaktion kenne ich bei mir, wenn ich das Gefühl habe, mir kann doch niemand helfen, daß ich das dann lieber alleine mache. Mein Mann war beim Abbruch nicht dabei, weil ich das nicht wollte. Er war bei der Geburt unseres Sohnes dabei, und ich habe das Gefühl, daß er das eigentlich nicht richtig verkraftet hat. Für ihn war es doch ein Schockerlebnis, obwohl er es auch toll fand, das mitzubekommen. Ich habe gedacht, daß er das jetzt wieder als ein Schockerlebnis empfindet. Da es mir nicht sonderlich hilfreich gewesen wäre, habe ich gedacht, das muß auch nicht sein. Ich habe ihn auch nicht gleich danach hereinbitten lassen, weil ich erst einmal alleine sein wollte. Das war auch gut so. Er geht noch wesentlich hilfloser mit solchen Situationen um als ich.
Der Abbruch selbst war nicht so schlimm, wie ich es mir ausgemalt hatte. Ich war sehr dankbar dafür, daß jemand für mich da war. Von der Ärztin habe ich nicht soviel mitgekriegt, Dann habe ich mir auch das Abgesaugte angeguckt. Weil mir die Entscheidung so schwer gefallen war, wollte ich das bis zum Ende durchziehen. Ich weiß auch nicht, was ich erwartet habe. Es war nicht viel zu sehen. Das war gut für mich.
Dann sind wir nach Hause gefahren. Ich war erleichtert, weil dieser Druck erst einmal weg war. Es war gut, daß mein Mann sich freigenommen hatte und einfach da war und daß ich mich nicht um meinen Sohn kümmern mußte. Daß solche Sachen organisiert waren. Ich habe mich hingelegt und habe nichts gemacht. Gut war, daß ich das annehmen konnte. Ich bin sonst immer eine schlechte Kranke und kann nicht annehmen, wenn mich jemand umsorgt. Ich habe gedacht: "Du hast das so gemacht, wie du es für richtig hieltest — es war offensichtlich auch richtig —, und jetzt hast du auch das Recht, dich zurückzulehnen und dich zu erholen." Die ganze Zeit vorher war so anstrengend gewesen. Man reißt sich doch die ganze Zeit zusammen. Ich habe erst im nachhinein empfunden, daß es mich enorm viel Kraft gekostet hat, normal weiterzufunktionieren und mich nicht ausschließlich mit mir selbst zu beschäftigen. Vielleicht wäre das notwendig und hilfreich, daß man sich zurückzieht. Für mich wäre es auf jeden Fall eine Hilfe gewesen.
Mich hat die Frage der Entscheidung danach noch weiter beschäftigt. Ich fühle mich nicht schuldig. Das ist in Ordnung. Aber ich fühle noch eine Verbundenheit mit diesem gezeugten Etwas. Das ist ganz eigenartig. Vorher hatte ich das Gefühl, da findet eine Art Kommunikation statt, und das ist jetzt danach auch noch so. Das hört sich irgendwie bescheuert an. Bei dem anderen Abbruch ging das Leben danach weiter wie vorher. Jetzt ist es so, als ob es nicht beendet ist, nicht erledigt ist. Eigentlich geht es darum, noch zu erklären, warum ich mich so entschieden habe. Ich habe das Gefühl, das ist in Ordnung, aber das braucht einfach noch ein bißchen Zeit. Das hat sicher damit zu tun, daß ich die Schwangerschaft viel intensiver erlebt habe als die Male davor und auch sehr viel angenehmer.
Es hat sich bei mir grundlegend etwas geändert in meinem Empfinden. Vielleicht bin ich reifer geworden. Ich merke in meiner Beziehung zu meinem Mann, daß ich ganz andere Prioritäten setze. Daß ich meine eigenen Sachen mit mehr Nachdruck durchsetze, aber nicht so wie früher. Früher habe ich meine Sachen knallhart durchgesetzt. Jetzt diskutiere ich Dinge mehr. Ich kann mir anhören, was er zu sagen hat, und fühle mich dabei nicht verunsichert. Früher hatte ich immer das Gefühl, ich muß mich enorm durchsetzen. Ich muß schon kämpfen, bevor der andere mich überhaupt angreift. Als hätte ich jetzt mehr Selbstbewußtsein. Ich fühle mich innerlich sicherer mit dem, was ich will. Vielleicht kommt es dadurch, daß ich gemerkt habe, daß andere mir keine Hilfe sind bei der Entscheidungsfindung und daß ich auch allein die richtige Entscheidung treffen konnte. Wir sind jetzt dabei, uns über Sterilisation auseinanderzusetzen, weil ich natürlich eine weitere Schwangerschaft vermeiden möchte. Ich nehme zur Zeit die Pille. Ich nehme sie nicht gerne und fühle mich auch ganz fürchterlich damit. Ich nehme sie, bis wir uns darüber im klaren sind, was wir machen. Mein Mann würde sich wohl sterilisieren lassen, aber ich weiß nicht, ob ich das will.
Mein Mann hat alles relativ schnell für sich abgeschlossen. Er hat mich anschließend noch ein bißchen betütelt, aber er hat es eigentlich nie wieder angesprochen. Ich habe ihm noch ein oder zweimal von meinen Gefühlen erzählt. Das hat ihn aber nicht weiter betroffen gemacht. Das war auch nicht meine Absicht. Man kann nicht erwarten, daß jemand sich so damit auseinandersetzt wie die Frau, die davon betroffen ist. Ich bin darüber nicht enttäuscht. Verändert hat sich, daß er wieder mehr Verantwortlichkeit zeigt, was die Verhütung betrifft, weil er den Zwiespalt und meine Belastung dadurch doch stark mitbekommen hat. Ich habe auch sehr abgenommen in der Zeit. Es war nicht zu übersehen, daß es eine schwierige Zeit war. Unsere Beziehung hat sich insgesamt verbessert. Aber ich denke, daß jede Konfliktsituation, die man versucht zu lösen, auch immer ein Anlaß ist, daß Bewegung in eine Beziehung kommt.
Für mich ist ganz deutlich geworden, daß das Ganze eine Situation ist, in der die Frau doch ziemlich alleine dasteht. Sie kann zwar materielle Hilfe bekommen, sie kann vielleicht auch, wenn sie Glück hat, jemanden haben, der sie umsorgt. Vielleicht findet sie auch jemanden, mit dem sie darüber reden kann. Was sich offensichtlich schon wieder schwieriger gestaltet. Aber die Entscheidung kann ihr niemand abnehmen. Die muß sie alleine treffen.
Ich habe ganz stark gemerkt, daß ich mir wünsche, daß mit dem Thema Abtreibung anders umgegangen wird. Nicht so theoretisch und nicht so moralisch. Was man so liest, hat eigentlich wenig mit der eigentlichen Situation der betroffenen Frau zu tun. Wünschenswert wäre, daß es die Möglichkeit gibt, mit diesen Zwiespälten irgendwo hingehen zu können. Ich habe gedacht, nach dem Abbruch geht es mir möglicherweise enorm schlecht, weil ich nicht vorhersehen konnte, ob es wirklich die richtige Entscheidung war. Darauf basierte eigentlich auch meine Erleichterung danach. Ich habe ganz stark gespürt, daß es richtig für mich war. Auf jeden Fall ist es gut, daß es mir nicht so schlecht ging, wie ich befürchtet habe.»




zurück

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Das Familienplanungszentrum

Die Ergebnisse anderer Studien über psychische Folgen nach Schwangerschaftsabbruch

Zum Aufbau der Untersuchung

Danksagung

Teil I: Die Ergebnisse der Studie

Teil II: Persönliche Berichte

Chronik des Gesetzgebungsverfahrens in Deutschland
Die gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland
Rat und Hilfe
Schwangerschaftsabbrüche in Familienplanungzentren
Literatur