Traurig und befreit zugleich

Von Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer
Familienplanungszentrum Hamburg, www.familienplanungszentrum.de
Rororo Sachbuch, 141 Seiten, ISBN 3-499-19953-X
(derzeit vergriffen), Download von www.mifegyne.com


Teil II: Persönliche Berichte

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Wenige Wochen nach dem Schwangerschaftsabbruch

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«Danach fühlte ich mich total befreit»
Marlene ist 30 Jahre alt und Taxifahrerin. Sie lebt in einer
Wohngemeinschaft, Ihr Schwangerschaftsabbruch liegt vier
Wochen zurück. Für sie war die Entscheidung gleich klar.

«Ich habe irgendwann festgestellt, daß ich schwanger bin. Ich war beim Arzt und habe es mir bestätigen lassen. Ich habe mir dann gleich einen Termin für die Abtreibung im Familienplanungszentrum besorgt. Als ich den Termin hatte, war ich glücklich und befreit. Mein einziges Problem bei der ganzen Sache war das neue Gesetz. Ich hatte große Angst davor, daß man mich nicht abtreiben läßt. Es war nie eine Frage für mich, ob ich das Kind bekomme, denn ich will keine Kinder haben. Ich hatte Träume darüber, daß man mich nicht abtreiben lassen würde. Daß ich schwanger bleibe, dick werde und daß ich mich dagegen nicht wehren kann. So etwas habe ich noch nie gehabt.
Ich war schon froh, als ich die Beratung hinter mir hatte, weil ich nicht wußte, was mich dort erwartet. Ob die Beratungsstelle schon verpflichtet ist, wie es in den Gesetzen steht, die Angehörigen zur Beratung hinzuzuziehen. Wenn der Freund sagt, er will kein Kind, ob er dann gesetzlich oder strafrechtlich belangt werden kann. Ich habe keine Beziehung mehr zu meiner Mutter, und die Vorstellung, daß die Beraterinnen verpflichtet sind, bei meiner Mutter anzurufen und zu fragen: "Würden Sie nicht Ihre Enkelin in Obhut nehmen, wenn Ihre Tochter arbeiten muß", das hat mir echte Alpträume verursacht.
Dann war da noch die Hürde zu nehmen, zum Sozialamt zu gehen, um sich die Bestätigung zu holen, daß sie den Eingriff bezahlen. Das war aber eine rein formelle Sache. Nicht gerade angenehm, aber nachdem ich den Abtreibungstermin hatte, war das nicht mehr so schlimm für mich. Schöner wäre es, wenn ein Krankenschein genügen würde und es eine ganz normale Sache wäre.
Mein Freund hat nicht gesagt, daß er dieses Kind haben möchte. Wir hatten eher Auseinandersetzungen darüber, bei wem die Verantwortung für die Schwangerschaft liegt. Ich bin schwanger geworden, weil ich die Pille nicht mehr nehmen will. Wir müssen uns seitdem mit Präservativen behelfen oder aufpassen oder sonst etwas. Mein Zyklus war durcheinander gekommen, weil ich im Urlaub war und eine sehr lange Flugreise hatte. Da ist es halt passiert. Es war auch Dummheit. Wir haben nicht richtig aufgepaßt. Ich weiß schon lange, daß ich keine Kinder haben will. Ich finde es nicht naturgegeben, daß wir als Frauen ein Kind haben müssen. Also könnte ich mich sterilisieren lassen, aber mein Freund will das nicht, nur um den Sex zwischen uns einfacher zu machen. Er hat Angst, wenn wir uns trennen, daß es dann auf ihn zurückfällt. Daß ich dann einen neuen Mann kennenlerne, der ganz dringend ein Kind von mir haben will, und ich dann nicht mehr kann.
Andererseits möchte er sich auch nicht sterilisieren lassen, weil er nicht weiß, ob er irgendwann doch Kinder haben möchte. Wobei er in anderen Situationen sofort sagt, daß er keine Kinder will. Das ist so ärgerlich, für mich, denn man muß sich doch entscheiden und wissen, was man will. Aber bei dieser Schwangerschaft war es kein Problem. Er hat mich sehr gut unterstützt, ist bei mir gewesen und hat mich getröstet.
Ich brauchte nur Trost über das Theater, was man durchstehen muß. Nicht Trost, weil ich so arm bin und abtreiben muß. Nur Trost, weil ich so arm bin und nicht selbstverständlich zum Arzt gehen kann und dann eine Abtreibung gemacht wird.
Hilfreich war für mich in jedem Fall, es immer so zu betrachten, wie es in Wirklichkeit auch ist. Ich meine, diese Sache nicht zu moralisieren. Manchmal hat man so komische Sachen im Kopf, wo man so denkt: Eine Familie ist was ganz Feines, auch ein Kind zuhaben ist schön. Aber wenn ich sozusagen wieder auf den Teppich komme, weiß ich, daß ich das nicht will, kann und möchte.
Wenn ich mich für die Abtreibung entscheide, dann entscheide ich mich damit auch gegen eine bestimmte Gesellschaftsnorm. Ich verlange anderes vom Leben. Ich habe eben eine andere Sicht der Dinge. Es ist nicht mein Anliegen, ein Kind in die Welt zu setzen und es so zu erziehen, daß es mit dieser Gesellschaft klarkommt.
Am Abend vor dem Eingriff bin ich noch zu einem Konzert gegangen. Ich habe aufgepaßt, daß ich nicht viel rauche und trinke, damit ich am nächsten Tag ein bißchen fit bin. Das war ein Konzert, das ich sowieso sehen wollte. Ich hatte überlegt, ob es besser für mich ist, mich ins Bett zu legen und zu schlafen. Aber ich hätte sowieso nicht schlafen können. Ein bißchen aufgeregt war ich schon.
Ich hatte Angst vor dem Eingriff, denn ich hatte früher schon einen Abbruch, und das war furchtbar schmerzhaft. Ich kam in den Behandlungsraum. Da war eine Krankenschwester, die mit mir viel geredet hat. Das fand ich sehr angenehm. Sie hat mir den Bauch massiert, das tat gut. Ich habe an nichts anderes mehr gedacht. In meinem Bauch wurde es richtig warm und weich. Sie hat mich immer gelobt und gesagt: "Sie sind auch sehr entspannt." Ich hatte schon eine Betäubungsspritze, als sie mir mitteilte, daß der Schmerz bis ins Gesäß ziehen kann. Bei der nächsten Spritze ging der Schmerz auch prompt bis ins Gesäß. Das war wahrscheinlich so eine psychologische Sache. Die Ärztin hat dann den Muttermund geweitet, und das hat schon ein bißchen weh getan. Ich habe so gekeucht und Angst gekriegt. Dann fing sie an abzusaugen, und da konnte ich mich nicht mehr zusammenreißen. Da tat es furchtbar weh. Ich wollte ohnmächtig werden und durfte nicht. Das fand ich schade. Es wäre so angenehm gewesen, so wegzudämmern. Es war dann aber bald vorbei, es dauerte ja nicht lange. Anschließend hat mich die Krankenschwester noch in einen Ruheraum begleitet. Das fand ich sehr nett.

Mein Freund wurde zu mir geholt, da war ich auch schon wieder richtig fit. In dem Moment, als er kam, habe ich mich total gefreut, ihn zu sehen. Er hat mich irgendwie wieder in die Welt zurückgeholt, aus dieser Klinikwelt mit diesen ganzen fremden Menschen. Die waren zwar sehr nett zu mir und haben mich nicht schlimm behandelt, aber trotzdem, sie waren ja fremd. Man kann sagen, was man will, aber es ist schon ein heftiger Eingriff. Es ist schön, wenn man jemanden hat, der mit einem in Verbindung steht. Ich habe dann ein, zwei Tage im Bett gelegen und fand das auch prima. Mein Freund hat mich versorgt. Die Schmerzen hörten am späten Abend auf.
Ich fühlte mich total befreit, nachdem der Abbruch vorbei war. Ich war ja schon mal schwanger, und da war es auch so, daß mein Körper darauf ganz merkwürdig reagierte, als wolle er den Fötus schützen. Ich bewegte mich ganz vorsichtig und bemerkte, daß ich keine Lust hatte, zu rennen oder zu springen. Es ist ein ganz merkwürdiges und ein sehr unangenehmes Gefühl.
Eigentlich würde ich nichts schöner finden, als einmal kräftig von einer Mauer zu springen, und es wäre weg und ich wäre nicht mehr schwanger. Aber den Mut habe ich nicht. Ich weiß auch nicht genau, ob es andere Möglichkeiten gibt, wie ich das forcieren könnte. Es hat bestimmt Zeiten gegeben, wo Frauen das wußten und konnten. Das ist ja das Furchtbare, daß man schwanger ist, und man kann selbst nichts dagegen tun, außer sich irgendwelchen Ärzten anzuvertrauen. Man ist dieser Körperfunktion praktisch ausgeliefert.
Es war gut, daß ich einen Freund hatte, der bei mir war. Es ist schön, wenn der Freund, der es verursacht hat, dann auch so konsequent ist und sagt: Du hast jetzt diese Schwierigkeiten, und ich bin bei dir dabei. Es ist schön, wenn man aus diesem Klinikbereich herausgeholt wird und da jemand ist, den man gut kennt und dem man vertraut. Das war etwas außerordentlich Gutes.
Vor der Abtreibung hatte ich schon das Problem mit Sexualität und Verhütung. Ich dachte, es muß doch einfach möglich sein, vernünftigen Sex zu haben, ohne ständig Pillen zu schlucken oder Gummis oder Cremes zu benutzen. Geschlechtsverkehr ist für mich nicht unbedingt befriedigend. Ich hatte keine Lust mehr dazu, es hat mich einfach gelangweilt. Es bringt mich nicht zum Höhepunkt. Ich habe deshalb die Pille nicht mehr genommen, weil man dadurch gezwungen ist, andere Dinge zu tun. Nach der Abtreibung mußten wir zunächst sowieso auf Geschlechtsverkehr verzichten. Da hat es plötzlich Klick gemacht. Wir probieren jetzt Neues aus und konzentrieren uns auf andere Dinge beim Sex als vorher.
Mein erster Abbruch war ganz anders als dieser. Das war nun wirklich ein gravierender Unterschied. Als ich morgens dorthin kam, wurde mir nichts gesagt, absolut gar nichts. Keine Krankenschwester und kein Arzt hat mit mir gesprochen. Vorne saß eine Frau an einem Tisch, die aufschrieb, welcher Name gerade hereingekommen ist. Ich habe mich in einem kleinen Raum ausgezogen, habe meine Kleidung dagelassen und war der Meinung, ich komme durch diesen Raum wieder zurück. Ich bin dann in einen Riesensaal gekommen, habe mich auf diesen Stuhl gesetzt, habe eine Spritze gekriegt und war weg. Ich bin aufgewacht in einem anderen Raum mit 10 oder 20 Frauen. Meine Kleidung lag plötzlich zusammengerafft auf dem Stuhl neben mir. Ich wußte gar nicht, wie mir geschah. Die haben mir eine Vollnarkose gegeben, ohne daß ich das wußte. Es war furchtbar unpersönlich und respektlos. Mein damaliger Freund hat sich auch nicht um mich gekümmert. Ich war ganz auf mich allein gestellt. Ich habe noch Tage im Bett gelegen und Schmerzen gehabt. Es war eine furchtbare Situation. »




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Inhaltsverzeichnis

Einführung

Das Familienplanungszentrum

Die Ergebnisse anderer Studien über psychische Folgen nach Schwangerschaftsabbruch

Zum Aufbau der Untersuchung

Danksagung

Teil I: Die Ergebnisse der Studie

Teil II: Persönliche Berichte

Chronik des Gesetzgebungsverfahrens in Deutschland
Die gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland
Rat und Hilfe
Schwangerschaftsabbrüche in Familienplanungzentren
Literatur