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Von Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer
Familienplanungszentrum Hamburg, www.familienplanungszentrum.de
Rororo Sachbuch, 141 Seiten, ISBN 3-499-19953-X
(derzeit vergriffen), Download von www.mifegyne.com
Teil II: Persönliche Berichte
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Wenige Wochen nach dem Schwangerschaftsabbruch
«Ich hatte so eine Angst - aber es war ein ganz besonderes Erlebnis»
Kerstin ist 28 Jahre alt, Buchhändlerin und lebt allein. Ihr Schwangerschaftsabbruch war vor drei Wochen. Sie ist noch damit beschäftigt, den Eingriff, vor dem sie große Angst hatte, und die Zeit davor zu verarbeiten.
« Es ist jetzt fast drei Monate her, daß ich zu meiner Frauenärztin ging, um mir die Pille verschreiben zu lassen. Ich ahnte schon, daß ich schwanger sein könnte. Ich hatte es nicht nachgeprüft, aber mir war übel, und ich fühlte mich irgendwie anders. Die Frauenärztin teilte mir dann tatsächlich mit, daß ich schwanger bin. Ich habe geweint und gelacht. Ich wußte gar nicht, was ich machen sollte. Ich war total durcheinander. Ich dachte: <Jetzt bin ich eine richtige Frau, ich kann Mutter werden.> Dann habe ich gedacht: <Nein, das geht doch nicht.> Dann habe ich ziemlich viele Krisen erlitten. Es ging eine Woche aufwärts, dann wieder abwärts. Ich habe gemerkt, ich kann beides intensiv erleben, auch diese Freude am Mutterwerden. Ich dachte, jetzt fange ich an zu spinnen. Ich habe es gluckern und rauschen gehört, da badete irgendwas. Es war einfach irre. Dann wieder wollte ich das alles gar nicht. Ich habe keine ökonomische Basis für das Kind. Ich weiß nicht, ob die Partnerschaft hält. Die Bindung durch ein Kind wäre mir zu eng gewesen. Das wäre nicht gutgegangen. Mein Freund hat sich gefreut. Er war ganz begeistert und konnte mein Abwehren nicht verstehen. Damit kam er nicht zurecht. Er hat sich ziemlich von mir zurückgezogen. Man könnte meinen, er sollte Mutter werden. Das war ganz erstaunlich. Das hatte ich nicht von ihm erwartet. Er konnte mich überhaupt nicht unterstützen in dieser schwierigen Zeit. Deshalb habe ich mich ziemlich allein gefühlt. Ich habe es Freundinnen mitgeteilt. Sie haben versucht, mich zu unterstützen, mir sowohl in die eine als auch in die andere Richtung Klarheit zu geben. Es war wichtig, darüber sprechen zu können, weil ich dachte, ich platze mit diesen vielen Gefühlen. An dem Tag, an dem ich erfuhr, daß ich schwanger bin, sagte meine Gynäkologin zu mir: <Kümmern Sie sich um die Formalitäten. Umentscheiden können Sie sich immer noch. Sehen Sie zu, daß Sie sobald als möglich das Beratungsgespräch und die Bescheinigung darüber bekommen.> Ich ging zu Pro Familia, auch um noch ein bißchen mehr Klarheit zu finden. Gut war, daß die Beraterin mich so genommen hat, wie ich war, mit meiner Angst, mit meiner Freude. Sie hat mir zugehört, mich nicht kritisiert oder versucht, eine Entschei-dung zu erzwingen. Sie hat es ein bißchen zusammengefaßt und es noch mal von verschiedenen Seiten beleuchtet. Das war für mich wichtig. Aber zur Klärung war. es noch zu früh. Ich habe nie erwartet, daß mich das &Mac226;so sehr beschäftigen würde. Ich habe immer gehofft, däß es mir nie passiert. Ich dachte, wenn, dann würde ich das Kind auch bekommen. Nachdem ich mich entschieden hatte, die Abtreibung machen zu lassen, bekam ich einen Termin in einer Klinik. Eine Freundin fragte mich: <Bist du dir auch ganz klar, daß du das da machen lassen willst?> Ich sagte: <Nein, irgendwie nicht.>
Aber ich wußte nicht, was mein Problem dabei war. Mir liefen die Tränen, und ich kriegte richtige Angstzustände. Ich wußte nur nicht, warum. Ich konnte es nicht in Worte fassen. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen Ich wußte gar nicht, was dort auf mich zukommen würde. Ich hatte so eine Angst! Ein Arzt hatte mir gesagt, bei meiner Angst wüßte er nicht, ob er es mit örtlicher Betäubung machen könne. Dann kam meine Freundin auf die Idee, daß ich ins Familienplanungszentrum gehen könnte. Ich könnte es mir anschauen und klären, was mich dort erwarten würde. Ich ging dorthin. Die Räume hatten so eine nette Ausstrahlung. Es war wie ein kleines "Willkommen" und "Es wird schon irgendwie gehen". Ich hatte das Gefühl, als ich da auf dem Stuhl war und die Ärztin die Voruntersuchung machte, irgendwie ist das hier richtig. Du mußt nur den Mut haben und die Kraft, das auch durchzuführen, aber du wirst es gut überstehen. Ich hatte auf einmal so ein zuversichtliches Gefühl. Ich hatte dann noch eine Woche Zeit, um zu mir zu kommen. Die Entscheidung war klar. Ich hatte trotzdem große Angst. Nicht davor, daß ich von dem Stuhl wieder runtergehen würde, sondern überhaupt dorthinzukommen. Es war ganz furchtbar! Eigentlich wollte ich alles ungeschehen machen. Aber dann kam alles anders während der Behandlung. Zum einen, daß mich jemand die ganze Zeit berührt hat. Das war ein Erlebnis, das hätte ich nie erwartet. Die Krankenschwester hat mir die ganze Zeit den Bauch massiert. Sie hat mit mir gesprochen, mich wahrgenommen und sich um mich gekümmert. Ich habe mich wirklich aufgehoben gefühlt. Das war für mich ein ganz besonderes Erlebnis. Ich habe Angst vor Sachen, die ich nicht kenne. Ganz besonders dann, wenn es mit körperlicher Nähe oder dem Zulassen von Berührungen zu tun hat, habe ich große Probleme. Die Angst wich dann Schritt für Schritt. Ich kriegte mit, daß die Krankenschwester die ganze Zeit über dableiben würde. Am Anfang hat es mich irritiert. Ich war gerührt und durcheinander, Ich hatte gedacht, da wird ganz viel passieren, was ich nicht mitbekomme. Aber ich spürte ja die ganze Zeit ihre Hand, Ich hatte das Gefühl, beteiligt zu sein. Die Ärztin hat gesagt, was sie gerade tut. Ich habe ein Ziehen gemerkt. Darauf hatten die beiden mich vorher hingewiesen. Sie haben mir gesagt, was ich.zu erwarten hätte. Dann ging es ganz schnell vorbei. Ich war im Grunde genommen positiv überrascht, wenn das passend ist für diese Situation. Ich habe schon ein bißchen Schmerzen gehabt, aber im Verhältnis zu dem, was ich erwartet hatte, war das minimal. Ich weiß nicht, ob ich übertrieben reagiert habe. Ich kann mich da nicht einschätzen, weil ich keine anderen Frauen kenne, mit denen ich mich darüber ausgetauscht habe.
Eine Freundin meinte vorher "Versuch doch, ein bißchen Abschied zu nehmen, damit es dir nicht ganz so schwer fällt." Nach dem Eingriff lag ich auf einer Liege, und die Sonne schien auf mein Gesicht. Dann habe ich mit dem Baby ein bißchen gesprochen. "Machs gut, und wir sehen uns wieder." Dieses Wesen wird es vielleicht verstanden haben.
Ich spürte große Erleichterung, weil die Angst von mir abgefallen war. Ich war aber auch traurig. Aber ich war auch dankbar für dieses Erlebnis, daß meine Angst in Sicherheit umgeschlagen war.
Eine Freundin hatte mich begleitet. Ich fand es wichtig, daß ich mit jemandem sprechen konnte, den ich kenne, den ich mag. Meine Freundin hat mir später noch etwas gekocht.
Aber ich war noch angespannt, weil ich dachte: Was passiert jetzt noch? Ich habe an dem Tag auf Schmerzen. gewartet, die aber nicht kamen. Nach und nach fiel die Angst dann ab. Ich habe zwar stärkere Blutungen bekommen, aber ich hatte an Sicherheit gewonnen, nachdem ich den Abbruch geschafft hatte. Mir hat auch geholfen, daß ich die Freiheit hatte, ein wenig krank zu sein, so daß ich Zeit für mich hatte. Ich merke jetzt eigentlich erst, daß ich langsam wieder da ankomme, wo ich vorher war. Dieser Nebel, diese Schwere fängt an, sich zu verändern, Es drückte irgend etwas auf meine Schultern. Das fängt jetzt langsam an, sich zu verändern. Und ich. nehme immer noch Abschied. Ich habe noch nicht richtig losgelassen. Manchmal merke ich das, wenn ich Frauen mit Kindern sehe.
Was ich unmöglich fand, war dieser Gang zum Sozialamt. Daß ich mich dort einem fremden Mann oder einer fremden Frau präsentieren mußte, mit allem, was ich gerade vor mir hatte, empfand ich als Eingriff in meine Privatsphäre. Ich habe mich diskriminiert gefühlt. Die Partnerschaft zwischen meinem Freund und mir ist im Moment in einer Krise. In der für mich so schweren Zeit mußte ich mich noch zusätzlich um ihn kümmern. So kannte ich ihn noch gar nicht. Wir konnten uns keine richtige Hilfe geben.. Das war für mich ganz schwierig. Wir haben uns dadurch ein bißchen entfernt. Er sagt zwar nicht, daß er noch an das Kind denkt, aber ich bin mir ganz sicher, daß er das noch. nicht abgeschlossen hat. Ich weiß auch nicht, inwieweit er mir das übelnimmt. Ich konnte ihn nicht unterstützen, sondern ich war sehr enttäuscht, daß er so wenig für mich dasein konnte und sich in mich nicht hineinfühlen konnte. Bei mir verstärkte sich die Dankbarkeit, daß ich Freundinnen habe, die mich ein bißchen auffingen. Bei ihnen konnte ich mich zeigen, wie ich gerade war. Bei ihm hatte ich oft das Gefühl, ich muß mich verstecken, damit es nicht so angespannt ist. Ich weiß nicht mehr, ob das mit meinem Freund richtig ist. Da ist etwas aufgebrochen während der Schwangerschaft. Aber es gab vorher auch schon Probleme. Es war nicht so, daß wir eine Liebe hatten, die standfest gewesen wäre. Für mich war das Ganze eine Lebensentscheidung. Ich bin einen Schritt mehr zu mir gekommen. Ich habe gemerkt, ich kann zu dieser Entscheidung stehen. Ich vertraue mir ein bißchen mehr. Es hat etwas mit Verantwortung und Reife zutun. Ich bin auch noch etwas wehmütig und denke, wie wäre es wohl gewesen, wenn ich ein Kind bekommen hätte.
Ich muß jetzt erst einmal Ruhe finden und zu mir kommen. Ich hoffe, wenn ich wieder schwanger werde, daß ich dann das Kind auch bekommen kann. »
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Inhaltsverzeichnis
Einführung
Das Familienplanungszentrum
Die Ergebnisse anderer Studien über psychische Folgen nach Schwangerschaftsabbruch
Zum Aufbau der Untersuchung
Danksagung
Teil I: Die Ergebnisse der Studie
Teil II: Persönliche Berichte
Chronik des Gesetzgebungsverfahrens in Deutschland
Die gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland
Rat und Hilfe
Schwangerschaftsabbrüche in Familienplanungzentren
Literatur
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