Traurig und befreit zugleich

Von Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer
Familienplanungszentrum Hamburg, www.familienplanungszentrum.de
Rororo Sachbuch, 141 Seiten, ISBN 3-499-19953-X
(derzeit vergriffen), Download von www.mifegyne.com

Teil I: Die Ergebnisse der Studie

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Zur Frage der Moral
Der Schwangerschaftsabbruch ist kein beliebiger medizinischer Eingriff. Vielmehr ist er Gegenstand von intensiv politischen und moralischen Auseinandersetzungen. Kaum jemand ist ohne entschiedene Meinung dazu. Nach der geltenden gesetzlichen Regelung ist Abtreibung rechtswidrig, aber unter bestimmten Voraussetzungen straffrei.
Seit 1982 gibt es in der Bundesrepublik die Kampagne "Schutz des ungeborenen Lebens", die von der Bundesregierung mitgetragen wird. Die Bevölkerung hat angeblich nicht das richtige Bewußtsein. Sie soll dahin geleitet werden, zu erkennen, daß Abtreibung unrecht, unmoralisch und schuldhaft ist. Die innere Anpassung an die äußere Vorschrift wird angestrebt. Die Geschichte der Abtreibung jedoch zeigt deutlich, daß mit maßregelnden Gesetzen, mit Verboten, mit dem Tötungsvorwurf kein Anstieg der Geburtenzahlen und kein Rückgang der Abtreibungen eintritt. Erreicht wird, daß Frauen unter Schuldgefühlen leiden und den Abbruch verheimlichen. Dabei war es schon immer so: Frauen haben trotz Verboten abgetrieben. Sie haben sich nach ihrer eigenen Moral und besonders nach ihren eigenen Umständen gerichtet. Unsere Studie hat gezeigt, daß jeder einzelne Schwangerschaftsabbruch für die Frau ein Ereignis für sich ist, eingerahmt von bestimmten Lebensumständen. Wir wollten von den befragten Frauen wissen, wodurch sich die Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch von anderen wichtigen Entschlüssen im Leben abhebt. Welche moralischen Fragen stellten sich ihnen?
Alle Frauen, die wir befragten, waren sich einig darin, daß es sich um eine besonders wichtige Entscheidung handelt. Sie sei endgültig und ein Kompromiß nicht möglich. Einige Frauen bezeichneten die Möglichkeit, Mutter zu werden, als die größte denkbare Veränderung in ihrem Leben. Deshalb habe diese Entscheidung weitreichende Folgen. Mit ihr übernehme man eine große Verantwortung für sich selbst und ein anderes Lebewesen. So bezeichnete eine Befragte den Schwangerschaftsabbruch als "nachträglich verantwortungsvolles Verhalten". Die Gestaltung ihres Lebens habe für sie Priorität. Sie wünsche keinem Kind, ungewollt zu sein, und hätte in ihrer Situation nicht ihr eigenes Kind sein mögen. Sie selbst sei von ihren Eltern gewünscht gewesen, und das sei ihr zugute gekommen.
Für einige Frauen war der Schwangerschaftsabbruch eine Grenzerfahrung. Sie hatten sich in seinem Verlauf intensiv mit ethischen Fragen wie Schuld und Autonomie auseinandergesetzt oder spürten die Entscheidungsmacht, ein Lebewesen nicht zu wollen. Dies war für einige schwer, andere hatten das Gefühl, daß es sich dabei um eine besondere weibliche Fähigkeit handelt, mit der sie den Männern etwas voraus haben. Unsere Frage allerdings, ob es sich dabei um eine besonders weibliche Form von Macht handele, wurde von den meisten Frauen verneint. Wir gewannen den Eindruck, daß diese Frage sie eher erschreckte.
Besonders deutlich formulierte eine Frau das Gefühl, mit dem Schwangerschaftsabbruch gegen eine herrschende Gesellschaftsnorm zu verstoßen. Sie widersetzte sich dem Gebot, Kinder zu gebären und eine traditionelle Frauenrolle zu übernehmen.
Ein großer Teil der Frauen hatte bereits vor der eigenen Abtreibung eine liberale Meinung zur Frage der gesetzlichen Regelung des Schwangerschaftsabbruchs. Sie meinten, Frauen müßten das Recht haben, selbst zu entscheiden. Bei einigen hatte sich die Haltung durch die eigene Erfahrung verändert. Sie äußerten sich jetzt engagiert dazu, daß jede Frau in der Lage sei, die richtige Entscheidung zu treffen, und daß ihre Entscheidung zu respektieren sei.
Es wurde deutlich, daß der Schwangerschaftsabbruch auch für die befragten Frauen kein beliebiger medizinischer Eingriff ist. Auch wenn die Entscheidung eindeutig war, ging es für sie oft darum, Rechtfertigungsgründe vor sich und anderen zu finden. Dabei zeigte sich, daß die Gründe dafür, diese Schwangerschaft nicht auszutragen, trotz möglicher moralischer Bedenken bestehenblieben. Es ist beeindruckend, daß trotz des moralischen Überbaus und des Makels, der auf Abtreiberinnen liegt, so viele Frauen an dieser Erfahrung innerlich gewachsen sind. Sie sind "unmoralisch" in dem Sinne, daß sie die äußeren Vorschriften nicht verinnerlicht haben und sie nicht als eigenes Gewissen in sich tragen.






















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Inhaltsverzeichnis

Einführung

Das Familienplanungszentrum

Die Ergebnisse anderer Studien über psychische Folgen nach Schwangerschaftsabbruch

Zum Aufbau der Untersuchung

Danksagung

Teil I: Die Ergebnisse der Studie

Teil II: Persönliche Berichte

Chronik des Gesetzgebungsverfahrens in Deutschland
Die gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland
Rat und Hilfe
Schwangerschaftsabbrüche in Familienplanungzentren
Literatur