Traurig und befreit zugleich

Von Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer
Familienplanungszentrum Hamburg, www.familienplanungszentrum.de
Rororo Sachbuch, 141 Seiten, ISBN 3-499-19953-X
(derzeit vergriffen), Download von www.mifegyne.com


Teil I: Die Ergebnisse der Studie


Vom Testergebnis zur Entscheidung

...


Das Wachsen an der Entscheidung
Alle Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens einen persönlichen Stil, auf welche Weise sie Entscheidungen treffen. Manche Frauen berichten, daß es ihnen ohnehin oft schwer falle, sich zu entscheiden. Für sie war es oft besonders schwer, eine so große und weitreichende Entscheidung wie die über einen Schwangerschaftsabbruch zu treffen. Eine ungeplante Schwangerschaft kann dazu führen, daß Lebensentwürfe, die eindeutig schienen, in kurzer Zeit verworfen werden. Zu welch drastischen Veränderungen es im Entscheidungsprozeß kommen kann, zeigen die Beispiele zweier von uns befragter Frauen. Sie hatten sich ein Kind gewünscht und hatten vor dem Eintreten der Schwangerschaft erwartet, daß sie sich darüber freuen würden. Als die Schwangerschaft festgestellt war, überwogen sehr schnell Ängste und Zweifel. Im Zuge der Auseinandersetzung mit ihrer Lebenssituation entschieden sich beide schließlich klar für einen Schwangerschaftsabbruch.
Nur vier der 35 befragten Frauen hatten das Gefühl, der Entscheidung und ihren Konsequenzen nur schwer gewachsen zu sein. Das war dann der Fall, wenn die Entscheidung zu schnell getroffen werden mußte, weil die Schwangerschaft erst spät festgestellt wurde, oder wenn der äußere oder innere Druck als so stark empfunden wurde, daß die Frauen sich zu einer bewußten Auseinandersetzung nicht mehr in der Lage fühlten.
Fast alle Interviewten jedoch fühlten sich durchaus imstande, diese Entscheidung nicht nur zu treffen, sondern auch zu verantworten. Insgesamt wurde deutlich, daß eine ungewollte Schwangerschaft für die meisten Frauen eine Grenzsituation ist, besonders weil sie sich mit unerwarteten, heftigen und widerstreitenden Gefühlen auseinanderzusetzen hatten, so daß sie den Prozeß manchmal als qualvoll empfanden. Gerade deshalb ist es beeindruckend, daß fast alle sich mit dem Entscheidungsprozeß keineswegs überfordert fühlten, sondern ihn im nachhinein als wichtige Zeit bezeichneten, um zu einer bewußten und reifen Entscheidung zu gelangen. Wir waren beeindruckt, wie viele es sogar als persönlichen Gewinn empfanden, sich in dieser Situation als kompetent für die eigenen Belange erwiesen zu haben.
Nur selten war allein ein Grund bestimmend für den Entschluß zum Abbruch der Schwangerschaft. In den meisten Fällen nannten die Frauen mehrere Gründe. An erster Stelle standen dabei die Situation in der Partnerschaft und berufliche Gründe.
So sprachen wir mit vielen Frauen, die zum Zeitpunkt des Schwangerschaftsabbruchs noch in der Ausbildung oder im Studium steckten. Andere hatten gerade nach dem ersten oder zweiten Kind den beruflichen Wiedereinstieg geschafft oder bereiteten diesen vor. Manche waren beruflich so engagiert, daß für sie ein Kind derzeit nicht denkbar gewesen wäre.
Manche Frauen fühlten sich physisch oder psychisch nicht in der Lage, eine Schwangerschaft auszutragen. Einige hätten sich aus Altersgründen mir einem Kind überfordert gefühlt. Sie fühlten sich zu jung und unreif oder sie meinten es aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters nicht mehr schaffen zu können. Für manche Frauen waren die gesellschaftlichen Bedingungen für die Kindererziehung so ungünstig, daß sie an ein (weiteres) Kind nicht denken wollten. Einige hatten schon mehrere, oft auch ältere Kinder und sagten, ihre Familienplanung sei abgeschlossen. Und einige kinderlose Frauen hatten sich überhaupt für ein Leben ohne eigene Kinder entschieden.
Nur wenige Frauen bezeichneten im nachhinein ihre finanzielle Situation als wichtiges Motiv für die Entscheidung zum Abbruch der Schwangerschaft. Das entspricht nicht unseren Erfahrungen aus der Beratungsarbeit. In den Beratungen vor einem Schwangerschaftsabbruch wird als ein wichtiger Grund sehr viel häufiger die ökonomische Situation angeführt. Dies kann mit der Zusammensetzung der befragten Personen zu tun haben. Doch es könnte auch sein, daß in den Beratungen ökonomische Gründe häufiger in den Vordergrund gestellt werden, weil viele meinen, daß diese eher akzeptiert werden. Dies paßt zu der weitverbreiteten Haltung, nach der Abtreibungen toleriert werden, wenn der Grund dafür in finanziellen und sozialen Problemen zu suchen ist.
In fast allen Gesprächen war es den Befragten sehr wichtig zu vermitteln, daß ihre Entscheidung gut begründet war. Dabei hatten wir den Eindruck, daß es für viele äußerst wichtig war, daß ihre Gründe auch öffentliche Anerkennung finden würden. Nur wenige Frauen äußerten nachdrücklich, daß für sie allein zählte, ob ihre Begründung vor ihnen selbst Bestand haben kann. Für uns war es oft bedrückend, zu erleben, wie sehr die Frauen unter einem Rechtfertigungsdruck standen.




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Inhaltsverzeichnis

Einführung

Das Familienplanungszentrum

Die Ergebnisse anderer Studien über psychische Folgen nach Schwangerschaftsabbruch

Zum Aufbau der Untersuchung

Danksagung

Teil I: Die Ergebnisse der Studie

Teil II: Persönliche Berichte

Chronik des Gesetzgebungsverfahrens in Deutschland
Die gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland
Rat und Hilfe
Schwangerschaftsabbrüche in Familienplanungzentren
Literatur